4. Dezember 2016

Ķirsons überwintert

Als im Mai zwei Filialen des lettischen Unternehmers Gunārs Ķirsons in Berlin eröffnet wurden (siehe Blogbeitrag), schauten auch Lettinnen und Letten skeptisch: würde es möglich sein, die Erfolgsgeschichte des lettischen LIDO auch in Deutschland fortzusetzen? Denn der gute Ruf des 65-jährigen Letten, Sohn eines ehemals nach Sibirien Verbannten, hat bereits etwas gelitten: sein Aufstieg wurde durch die Wirtschaftskrise 2009/2010 arg gebremst, er musste Eigentum verkaufen, und manche sahen auch die LIDO-Kette kurz vor der Pleite. 2010 musste die Zahlungsunfähigkeit erklärt werden; der Umsatz sank von 900.000 im Jahr 2011 auf 240.000 Euro 2012 (delfi) - auch die Sanktionen der EU gegen Russland trafen die LIDO-Kette. Erst 2015 galt Ķirsons als wieder einigermaßen stabilisiert, das Unternehmen war jetzt auch bereits an zwei Orten in Tallinn präsent.

Also zumindest ist Stillstand nicht Ķirsons Art: 2014 startete er die Eishockey-Schule "LIDO Latvija", nur sieben Monate (!) nach deren Gründung wurde die Jugendmannschaft "LIDO Latvija" bereits lettischer Meister. Schon seit 2005 bestand der Judo-Klub "Lido". Denn Ķirsons ist auch Sportler: im Sambo, einer dem Judo ähnlichen Kampfsportart, deren Tradionen zu Sowjetzeiten gelegt wurden, ist Ķirsons dreifacher lettischer Meister, da ist fast logisch, dass er auch Träger des schwarzen Gürtels im Judo ist. Auch in der Leichtatlethik übte er sich, im Speerwerfen versuchte er sich zu Zeiten als Jānis Lūsis Vorbild für alle war. Aber als Sportler sah Ķirsons für sich keine Möglichkeit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten: zunächst wurde er Schweinezüchter, dann als Kellner und Barkeeper. Während der Olympischen Spiele, deren Segelwettbewerbe 1980 in Tallinn ausgetragen wurden, soll Ķirsons dort die Gäste mit Cocktails erfreut haben (sporto). Auch in Riga, im damaligen Restaurant "Ščecina" ("Stettin"), arbeitet der umtriebige Lette noch als Barkeeper, und ist besonders stolz auf seine Gin-Tonic-Rezepte (damals das Modegetränk in Riga). Der Versuch des Wechsels zur Kunsthochschule (die Lebensgefährtin war Malerin) scheiterte noch an der Aufnahmeprüfung, aber 1987 eröffnet er in der Lāčplēša ielā in Riga die Bar "LIDO". 1991 wird Ķirsons zum Eigentümer, und kann die heute noch bestehende Kette von Schnellrestaurants eröffnen: deftiges, frisch zubereitetes Essen in leicht folkloristisch angehauchter Atmosphäre - in den 1990igern war LIDO in Riga so beliebt, dass selbst die Konkurrenz von "MacDonalds" oder KFC nicht gefürchtet werden brauchte.

Politikern wie Ex-Premier Valdis Dombrovskis bezeugt Ķirsons heute seine Hochachtung, den Staat ruhig durch die Krise gebracht zu haben (Delfi). Das LIDO-Erfolgsrezept im Heimatland Lettland beruht auch auf der Erkenntnis, dass Lettinnen und Letten durchschnittlich eher konservativ essen, was die Auswahl betrifft: eher traditionelle Gerichte.

Ob das auch fürs deutsche Publikum gilt? Das Konzept der beiden Berliner "Ķirsons" läßt ein wenig darauf hindeuten: Suppe, Hauptgericht, Nachtisch (oder Kuchen). Satt werden soll der Kunde, ohne von allzuviel lettischen Experimenten belästigt zu werden. Aber: viele frische Säfte. 3 Millionen Euro investierte Ķirsons (nach eigenen Angaben) in Berlin (mit Hilfe der DNB-Bank) in 721 qm Restaurantfläche, gestaltet von Tochter Evija Ķirsone. Arbeitsplätze auch für insgesamt 62 Lettinnen und Letten.

Gegenwärtig gleicht zumindest das Lokal nahe der Jannowitzbrücke einer Ruhe-Oase. Draußen tobt der sogenannte "Wintertraum am Alexa", der mit seinen Geisterbahnen, Schreckenskammern und blinkend hupenden Karussels eher einem Alptraum gleicht - jedenfalls für diejenigen, die Weihnachten mit Christi Geburt oder einer Zeit der Besinnlichkeit identifizieren. Draußen haben sogar die Esten sich unter den Trubel gemischt und verteilen im blau-weiß-schwarzen Elchkostüm ihren Wodka. "Aprés Ski Feeling" wird hier beworben, und "Halloween" oder "Chaos Airport" weisen den Weg: in Ruhe einkehren bei Ķirsons. Vielleicht hat es mit dem "Schlachtenlärm" draußen zu tun, wenn auch der Lette sich überraschend einseitig männlich gibt: "der Weg zum Herzen eines Mannes geht durch den Magen", so der neue Werbespruch. Wie, stehen bei Ķirsons etwa nur die Frauen am Herd? Keineswegs, das ist offenbar.
Noch 100 weitere Restaurants möchte Ķirsons in Deutschland eröffnen, so verkündete es die Firma vor der lettischen Presse. Wir warten gespannt - vorerst ist es ein erster Schritt, dass Ķirsons in Berlin überwintert.

28. November 2016

Lettlands Trump Fan Nr. 1: ein Grüner

Bei den meisten politisch Interessierten in den baltischen Staaten rief die Wahl Donald Trumps zum US-Präsident und Nachfolger Barrak Obamas eher Besorgnis hervor - so bei Lettlands Ex-Präsidentin Vaira Vīķe-Freiberga, die in einem Interview für den STERN Trumps Wahl als "Beleidigung für die amerikanische Demokratie" bezeichnet.
Ein Schulterschluß Trumps mit dem russischen Präsident Putin erscheint möglich - zumindest wenn man Trumps Wahlkampfreden zur Sicherheitspolitik wörtlich nimmt. Da fallen diejenigen um so mehr auf, die sich auf die Seite von Trump schlagen. Bei den pro-russischen Parteien verwundert dies nicht, also etwa bei der "Russischen Union" (Latvijas Krievu savienība), die schon die russischen Aktivitäten in der Ukraine unterstützte, oder vielleicht auch bei der oppositionellen "Saskaņa" ("Einklang"), die einen Kooperationsvertrag mit Putins "einiges Russland" abschloss. Als einer der ersten Pro-Trump-Stimmen in den Reihen der regierenden konservativen Koalition tat sich jetzt Edgars Tavars hervor, Vorsitzender der lettischen "Grünen Partei" (Zaļa Partija), und seit einigen Monaten auch Staatssekretär im Verkehrsministerium (NRA 10.11.)

Profiliert sich als Trump-Fan:
Grünen-Chef Edgars Tavars
"Trump inspiriert" - so betitelt die "Latvijas Avize" ein ausführliches Interview mit Tavars. Man müsse die Ereignisse auch im Zusammenhang mit dem Brexit, Großbritanniens Ausstieg aus der EU, sehen, meint der 34-Jährige Grünen-Chef, Inhaber mehrerer Baufirmen. "Das Wahlergebnis in den USA zeigt, dass die Welt wieder in die richtigen Bahnen kommt," lässt sich Tavars in einer Pressemitteilung seiner Partei zitieren. Mit Trump zeige sich, dass die von den Großmächten diktierte liberale Globalisierungspolitik an Kraft verliere, hofft Tavars. Erstaunlicherweise beruft sich Tavars bei dem, was er für die Zukunft wünschenswert hält, auf den lettischen Regisseur Alvis Hermanis - der in Deutschland zuletzt Aufsehen deshalb erregte, weil er seine Zusammenarbeit mit dem Thalia Theater in Hamburg wegen zu großem Entgegenkommen des Theaters Flüchtlingen gegenüber aufkündigte (Blog).

"Neuer Konservatismus" wird da ausgerufen, eine größere Rolle für die Nationalstaaten, und mehr Berücksichtigung lettischer Interessen in der Europäischen Union. Wie denn die Aussagen von Trump mit den Zielen seiner grünen Partei beim Klimaschutz zu vereinbaren sei, wird Tavars gefragt, der auch schon einmal Staatssekretär im lettischen Umweltministerium war. Nein, Trump bestreite nicht das Problem der Klimaerwärmung, behauptet Edgars T. - Trump wolle das Problem nur anders lösen. "Wir müssen uns für die Natur, und auch für das Volk einsetzen," meint Tavars, der im April zum zweiten Mal als Grünen-Vorsitzender wiedergewählt wurde. Mit 734 Mitgliedern ist die "Grüne Partei" Lettlands fünftgrößte Partei. Das Bündnis der Grünen mit der lettischen Bauernpartei (Latvijas Zemnieku Partija LZP) ist Teil der Regierungskoalition. Die lettische Grüne Partei feiert in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen.

25. November 2016

Kuh aus der Kindheit

Vor 11 Jahren stand die Herstellerfabrik im lettischen Skrīveri (Skrīveru Pārtikas kombināts - SPK) kurz vor der Pleite - es wäre das Ende vieler Kindheitserinnerungen gewesen. Zugegeben, modern gestylten Bonbons kleben nicht mehr im Mund, sind vielleicht nach Geschmack und Farbe optimiert. Aber die einfachen "Gotiņa's" (kleinen Kühe) waren einfach schon Jahrzehnte auf dem Markt - seit 1959 - in Notzeiten ebenso wie bei Familienfeiern, und als Probierportion für alle Gäste (besonders die aus dem Ausland). "Gotiņa's" aus Lettland wurden ab 1960 in die ganze Sowjetunion geliefert, in Blütezeiten mit bis zu 30 verschiedenen Fabrikationsstätten in ganz Lettland und 6000 Tonnen Exportwaren pro Jahr in die Sowjetstaaten.

Wo die Bonbonmasse noch mit Liebe gefaltet wurde:
ehemalige Līzuma Konfekt-Fabrik - gemeinsam
am runden Tisch
Seit der Beinahe-Pleite 2005 arbeitet "Skrīveru saldumi" nun mit neuem Konzept - und hat bisher überlebt. 2007 begann man auch Glasuren einzusetzen - eine Variante, für die nicht die teure Kakaobutter benötigt wurde. Zum Einsatz kam das zum Beispiel bei der Herstellung von Marzipanherzchen. Zur Einrichtung neuer Produktionsstätten im Stadtzentrum von Skrīveri, im Gebäude einer ehemaligen Molkerei und eines Käsewerks, mussten die Firmeninhaber Kredite aufnehmen, die noch heute abbezahlt werden müssen.

"Jeder Mitarbeiter verarbeitet, wenn er gut trainiert ist, bis zu 100kg der süßen Masse pro Tag," erzählt Dace Vītoliņa, eine der Filialleiterinnen bei "Skrīveru saldumi", in einem Interview für die Zeitschrift "IR". "Das ist körperlich anstrengende, aber auch physisch anspruchsvolle Arbeit, wir haben sogar Schwierigkeiten, hier die ausreichende Anzahl Mitarbeiter zu finden."
Es gibt neun Grundsorten der 'Gotiņas', aber zu Feiertagen und besonderen Anlässen werden auch neue Sorten angeboten. Heute arbeitet die Firma sogar mit ökologischen Zertifikaten: drei Sorten sind ganz aus Naturstoffen hergestellt, darunter die Sorten 'Walnuß' und 'Heidelbeere'. Gotiņa-Fans wie die Bloggerin Santa Ulnicāne wissen natürlich noch viel mehr Sorten aufzuzählen: mit Aprikosen, Pfefferminz, Sesam, Haselnuß, Kaffeegeschmack, mit Sonnenblumenkernen, oder sogar Zichorienwurzel (Wegwarte). Keine künstlichen Farb- oder Zusatzstoffe, ohne Konservierungsstoffe, Grundstoff: Milch aus Lettland - damit wirbt die Firma heute gern.

Nur wenige erinnern sich jedoch noch an den kleinen Ort Līzums, im Bezirk Gulbene weit im Nordosten Lettlands, wo die Produktion der "Kühchen" einst begann; ein Örtchen mit gerade mal 1400 Einwohnern. Hier kam die Milch der "lettischen Braunen" her, um in den 50iger Jahren dieses Produkt zu entwickeln.

"Auch heute noch bauen wir auf die spezielle Erfahrung unserer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen," berichtet Vorstandsmitglied und Miteigentümerin Iveta Audziša (e-Druva), die zusammen mit ihrem Mann Normunds 2005 in Līzums mit der Bonbonfabrikation begann, aufbauend auf ihre unternehmerischen Erfahrungen bei "SIA Dimdiņi" (Gemüse- und Kohlanbau). "Es braucht ein besonderes Gefühl dafür, wann die Bonbonmasse fertig ist. Einige unserer Meister haben daher schon dreißig, manchmal vierzig Jahre Erfahrung." In der Regel bleiben die frisch hergestellten Süßigkeiten bis zu zwei Monaten frisch. "Wer es länger frischhalten möchte, kann sie aber auch im Kühlschrank lagern," verrät Audziša.

Während der letzten Wirtschaftskrise tauchten auch Billigprodukte aus der Ukraine und aus Polen auf dem lettischen Süßwarenmarkt auf. In Skrīveri versucht man dennoch bei den handgemachten Produkten weitgehend zu bleiben. Trotz des vielfältigen Sortiments nehmen die Lebenmittelketten nicht alles in ihre Angebot auf - in fünf eigenen Firmenläden, vier in Riga und einer in Skrīveri, finden Kunden alle angebotenen Sorten vollständig.Auch der Regionalwerbung und dem Tourismus helfen einheimische Produkte - besonders gern werden "Gotiņas" in Latgale angeboten („Latgales gotiņa”). Nicht sehr viel Geld steckt die Firma in Werbekampagnen - man baut mehr auf direkte Kundenwerbung und auf Betriebsbesichtigungen von Schulklassen und Touristen. Ausbaufähig ist sicherlich der Export - obwohl es bereits Abnehmer gibt in Skandinavien, Irland, Deutschland und den beiden Nachbarn Estland und Litauen.

Und wer selbst noch nicht genug von Experimenten hat: manche Süßmäuler verbreiten auch einfache Rezepte zum Selbermachen: mit 6 Gläsern Zucker, ein Eßlöffel Kakao, 100g Butter, 2 Gläsern Milch und 3 Eiern. (idejukabata). Aber wer möchte schon den lettischen Bonbonmassenfaltern und -knetern die Arbeit wegnehmen?

11. November 2016

Was blieb von den Städtepartnerschaften?

ein Foto aus dem Jahr 2006
Bis noch vor 10 Jahren standen sie in der Altstadt sehr privilegiert - in Sichtweise des Domes. Allerdings optisch ein wenig schwerfällig, offensichtlich aus schwerem Metall gefertigt, die Beschriftung schlecht erkennbar. Wer sich bemühte, den Sinn des hier wie dunkle Wegweiser ins Ungewisse wirkenden Schilder zu entziffern, sah einige von Rigas Städtepartnerschaften hier öffentlich präsentiert. Vielleicht aber wirkte das klobige Monument auch eher wie eine Art Gedenkstätte - im Gegensatz dazu sind die Partnerschaften in den letzten zwei Jahrzehnten aber geradezu explodiert: inzwischen zählt Riga ganze 29 Städte auf allen fünf Kontinenten zu befreundeten Partnern.

Mit der Umgestaltung des Platzes, wo heute zahlreiche Sitzgelegenheiten den Genuß lauer Sommerabende im Freien ermöglichen, wurden auch die Schilder komplett abgeräumt (eingeschmolzen?). Aber eine Übersicht zur Zusammenarbeit Rigas mit ihren "Schwestern" ist nur schwer zu bekommen. So versucht es nun das Infoportal der Stadt im Internet mal mit den "Spuren", welche Städtepartner im Stadtbild Rigas hinterlassen haben. Der Begriff "Freundschaftsstadt" sei direkt nach dem 2.Weltkrieg entstanden, wird dort (in lettischer und russischer Sprachversion) erläutert; Idee sei der Erhalt des Friedens in der Welt gewesen. Zu ersten "Freundschaftsstädten" Rigas wurden in den 1960iger Jahren Rostock in der DDR und Pori in Finnland. Ohne Quellenangabe dann dort ein Zitat: "Mit den Städten ist es wie mit den Menschen - für jeden ist ein eigener Zugang nötig. Mit Erevan befreundete sich Riga sehr schnell, mit Kobe dauerte es mehrere Jahre." (Riga.lv)

Dann wird die Abteilung "gegenseitige Geschenke" beschrieben. "Die Rigaer Delegationen beschenken die Partner in der Regel mit Bilderalben oder traditionellen Souvenirs. Manchmal werden aber auch eindrucksvollere Geschenke hinterlassen", weiß das Portal. 1996 sei aus Kobe in Japan gleich ein ganzer Elefant in Riga angekommen; das sei kurz nach einem Erdbeben in Japan gewesen, bei dem 6000 Menschen ihr Leben verloren haben - der Elefant ein Symbol der Freundschaft. In Bremen-Mahndorf dagegen stehe ein Denkmal des "Sprīdītis", einer lettischen Märchenfigur, die der Bildhauer Bruno Strautiņš geschaffen habe, und manche Moskowiter verbringen heute noch ihre Zeit im "Rigaer Park", der sich in der Nähe des Stadtzentrums befinde.

bei Spaziergängen im
Stadtzentrum Rigas
kann man auch auf
Spurensuche zu
Rigas Partnerstädten
gehen: hier ein
Geschenk aus
Taschkent
Unübersehbar im Stadtzentrum Rigas auch die spitz zulaufende silberne Uhr nahe der Kunstakademie, die lettische und japanische Zeit anzeigt. Im Kronvalda Park steht ein traditioneller hölzerner Bogen aus Suzhouin China, und unübersehbar für alle Gäste der Stadt ist auch das Denkmal der Bremer Stadtmusikanten direkt neben der Petrikirche, von dem es heißt, man müsse den Tieren an die Nase fassen, um dass sich geheime Wünsche erfüllen.
Eher unscheinbar erscheinen da auf den ersten Blick die Sitzbänke, die ebenfalls in einem Park in Altstadtnähe zur Benutzung freistehen - ein Geschenk aus Armenien. Nahe der lettischen Seefahrtsakademie dann das Denkmal von Ulug Bek, dem Astronom, Mathematiker und Sultan aus Taschkent. Auch das Denkmal von Alexander Puschkin ist im Kronvalda Park zu finden, ein Geschenk aus Moskau. Nicht alle "Partnerschaftsgeschenke" sind so monumental. Eine wertvolle traditionelle Gesichtsmaske aus Kobe wird sorgsam in der Nationalbibliothek aufbewahrt.

Bei einem Rundgang durch Riga sind vielleicht noch mehr Spuren von Rigas vielfältigen internationalen Städtepartnern zu finden - allerdings muss die Frage auch erlaubt sein, ob 29 verschiedene "Städteschwestern" nicht auch zu ein wenig Irritation führen kann, ähnlich dem Effekt der langen Listen von "Facebook-Freunden", wo nur noch eine möglichst hohe Zahl Eindruck macht, aber in den meisten Fällen keine persönlichen Treffen mehr stattfinden. Da helfen oft auch keine Billigflieger: Kontakte knüpfen ist leichter geworden, aber was geht eigentlich noch über Stehempfänge und gegenseitige Kurzbesuche hinaus? Wie wäre es, wenn alle Bürgerinnen und alle Bürger der betroffenen Städte jederzeit gemeinsam Projekte entwickeln könnten, und dabei Unterstützung bekämen?

Die einen erhoffen sich in erster Linie gute Geschäfte (also Business, möglichst mit finanziellen Vorteilen) - so wie die kürzliche Rigaer Konferenz mit 45 Unternehmern aus Chile. Andere nutzen gemeinsam vielleicht besseren Zugang zu den Fördertöpfen der Europäischen Union. Wieder andere, besonders ehrenamtlich Aktive in Sport- und Kulturvereinen, erhoffen sich Austauschmöglichkeiten, Gastauftritte und Teilnahmemöglichkeiten bei Wettbewerben. In Zeiten sozialer Not sind Hilfslieferungen und Spendenaktionen auch zwischen Partnerstädten geübte Praxis. Innerhalb der EU sind wenigstens die Studienmöglichkeiten heute ja bereits geregelt - und bedürfen keinen besonderen Städtebeziehungen mehr (bis auf Ausnahmen besonderer Forschungsprojekte). Und aus Rigaer Sicht muss bei manchen vielleicht immer noch daran erinnert werden, dass die Zeit sozialistisch-sowjetischer Parolen wirklich vorbei ist, und auch Städtepartnerschaften heute eine Sache aktiver Bürgerinitiativen sein kann - und nicht nur für "Funktionäre" da ist.

Zur Zukunft und zu Perspektiven von Rigas vielen Städtepartnerschaften sagt das stadteigene Internetportal übrigens nichts -  entweder man hält wohl den Nutzen für selbstverständlich, vielleicht hat man auch längst interne Prioritäten innerhalb der Partnerschaften entwickelt und sagt davon nichts. Solange sie existieren, kann aber wohl nur zu verstärkter Nutzung dieser "Beziehungsdrähte" aufgerufen werden.

Rigas Städtepartner:

in Deutschland: Rostock (seit 1974, 1991 erneuert), Bremen (seit 1985, 1992 erneuert)
in Europa: Amsterdam (seit 2003, seit 2011 vertraglich), Bordeaux (seit 1993), Florenz (seit 2004), Norköping (seit 1988, erneuert 2014), Aalborg (seit 1990), Pori (seit 1946, 2011 erneuert), Stockholm (seit 1998), Tallinn (seit 2005), Tartu (seit 2005), Vilnius (seit 2005), Warschau (seit 2002).
im östlichen Europa und Asien: Almaty (seit 1998), Astana (seit 1998, bekräftigt 2006), Jerevan/Erivan (seit 2013), Kiew (seit 1998), Kobe (seit 1974, erneuert 1991), Moskau (seit 2001), Minsk (seit 1999), Peking (seit 2004), St.Petersburg (seit 1997, erneuert 2006), Suzhou (seit 1997, bekräftigt 2003), Taipeh (seit 2001), Taschkent (seit 2004), Tblissi (seit 2007)
in Nord- und Südamerika: Dallas (seit 1990), Santiago de Chile (seit 1997)
in Australien: Cairns (seit 1990, bekräftigt 2013)

7. November 2016

Dann kannste über Skanste zum Friedhof

Mit Planungen zum Öffentlichen Nahverkehr in Riga müssen Bürgermeister vorsichtig sein - davon konnte schon Alfreds Rubiks erzählen, Rigas Bürgermeister von 1984 bis 1990. Rubiks plante Riga mit einem Netz von U-Bahnen auszustatten - was eine riesige Protestbewegung dagegen auf den Plan rief, trotz Schikanen und Einschränkungen des damaligen Sowjetsystems. Denkmalschützer sahen schon die Mauern Alt-Rigas einstürzen, falls eine Untergrundbahn gebaut werde, die lettische Umweltschutzbewegung feierte damals Höhepunkt auf Höhepunkt: die Sowjetfunktionäre mussten aufgeben oder wurden abgesetzt, Lettland erkämpfte seine Unabhängigkeit.

Solche Zeiten möchten einige der wenigen heute noch verbliebenen Umweltaktivisten gerne wieder aufleben lassen. Und auch heute ist wieder ein Thema des öffentlichen Nahverkehrs gefunden: die Planungen der Stadt zu einer neuen Straßenbahnlinie. Das Projekt wiederspreche "den ethischen Normen, so wie sie die Letten verstehen", meint Elita Kalniņa, Vizepräsidentin des "Vides Aizsardzības kluba VAK" (Umweltschutzklub), eine Aktivistin auch noch aus Rubiks Tagen.

Am 11.Oktober beschloss eine Mehrheit im Rigaer Stadtrat mit einer Mehrheit von 34 gegen 15 Stimmen ein Projektvorhaben zur Schaffung einer neuen Straßenbahnlinie, nach dem zu durchquerenden Ortsteil "Skanstes Linie" genannt (lsm) - dem ersten Erweiterungsvorhaben für die Straßenbahn seit 1984. Durchführen soll das Projekt "Rīgas satiksme”, das städtische Verkehrsunternehmen. Für die 3,6km langen Strecke, die zu bauen etwa 100 Millionen Euro kosten soll, sollen auch 12 neue Niederflurstraßenbahnen angeschafft werden. Einziges Manko: es fehlt bisher die detaillierte Einbeziehung der Bürgerinnen und Bürger, also der Öffentlichkeit. Und: notwendig wird auch eine Verbreiterung der Senču iela um etwa 10 Meter. Symbolischer könnte der Name dieser Straße kaum sein: die "Straße der Vorfahren" führt nämlich durch das Areal des "Großen Friedhofs", der Hauptumstand, der Gegner auf den Plan ruft.

Schnell hatten sich im Internet die "Lielo-Kapi-draugi" (Freunde des Großen Friedhofs) zusammengeschlossen (Facebook), ein Protestschreiben an Regierung und Präsident wurden aufgesetzt, auf dem Abstimmungsportal "Mana Balss" (Meine Stimme) fand dieser Brief über 1600 Unterstützer gegen die "Friedhofs-Straßenbahn". Die Gegner zweifeln dabei die Behauptung der Planer an, die Totenruhe keines einzigen Grabes stören zu wollen, und bezeichnen das Gebiet als Ort an dem "viele Helden und große Geister Lettlands" beerdigt seien - also richte sich das Projekt gegen "Lettlands Identität und Geschichte". Am beeindruckendsten aber ist die Unterstützerliste der Gegner: Dainis Īvāns, Ex-Volksfront-Aktivist und Leitfigur der Unabhängigkeitsbewegung, Valters Nollendorfs, Leiter des Lettischen Okkupationsmuseums, weiterhin zahlreiche Schriftsteller, Journalisten, und Denkmalschützer; stolz wird auch die Unterschrift von Werner von Sengbusch vermeldet, als "Ur-Ur-Ur-Enkel eines Rigaer Bürgermeisters" gefeiert. Ja, neue "Atmoda-Identität", danach sehnen sich offenbar viele.

Allerdings muss wohl gesagt werden, dass 1600 Protestunterschriften noch nicht besonders viel sind: auf "Mana balss" bekamen andere Initiativen, wie etwa für kostenloses Mittagessen in Kindergärten, für steuerfreie Renten, die Direktwahl des Präsidenten, oder häufigere technische Überprüfungen bei PKWs jeweils mehr als das sechsfache davon.

Und auch die Straßenbahn-Ausbaufans machen mobil. Der Ortsteil Skanste bekam gleich so etwas wie eine neue "korporative Identität" verpasst: neues Logo, schicke neue Webseite.
Mit eigenen Karten und Zeichnungen versucht man aufzuzeigen, wie wenig die Straßenbahn die lettischen Helden stören wird: George Armitstead, auch ein früherer Bürgermeister, "liegt" noch am nächsten dran: 36,5 Meter. Zu den Gedenkstätten von Krišjānis Valdemārs und Krišjānis Barons seien es aber mehr als 400 Meter Entfernung (siehe Riga.lv). Die Proteste bezeichnen die Befürworter als "lettischen Halloween-Spuk". Bereits 2012 seien die Planungen für das Projekt angelaufen, mit öffentlichen Anhörungen 2013, im Rahmen der Entwicklung der nachhaltigen Strategie "Riga2030". 574 Eingaben habe es damals gegeben, 277 davon seien in die endgültige Planversion aufgenommen worden. 

Rigas "Lieli Kapi" heute: fast wie ein Wald, mit
Spuren und Resten von Gräbern hier und dort
Doch die Diskussion ist noch nicht zu Ende, ob es nun einer weiteren umfangreichen Beteiligung der Öffentlichkeit bedarf oder nicht. Politiker/innen wie Europa-Parlamentarierin Sandra Kalniete versuchen sich inzwischen an die Sache dranzuhängen, um sich auf jeden Fall als "auf der richtigen Seite stehend" vorzuzeigen. Rigas Ratsmehrheit möchte sich 70 Millionen Euro finanzielle Unterstützung aus EU-Fördertöpfen sichern, und die gäbe es angeblich nur, wenn es zügig umgesetzt wird. Nationalkonservative Politiker, wie der Staatssekretär im Umweltministerium Jānis Eglīts fordern ein öffentliches Anhörungsverfahren in dieser Sache. Dem wiederspricht Emīls Jakrins, Vorsitzender des Verkehrsdezernats der Stadt: ein Planungsverfahren für den Stadtteil habe es ja bereits gegeben, und nur für die folgenden Einzelmaßnahmen sei das nicht erneut nötig (lsm). Und inzwischen hat Rigas Bürgermeister Nils Užakovs, ermutlich auch aufgrund der für manche überraschend plötzlich erhöhten Aufmerksamkeit für das Straßenbahnprojekt, einen Ideenwettbewerb zur Entwicklung des "Großen Friedhofs" als denkmalgeschützes Kulturareal ausgerufen; an einem ersten Gespräch zu diesem Thema nahmen teil Kulturminsterin Dace Melbārde, der Sekretär der lettischen ev.-luth. Kirche Romāns Ganiņš, und Juris Dambis, Leiter der staatlichen Inspektion zum Schutz der Kulturdenkmäler.

Weht nun auch in Riga - neben dem heftigen Schneefall, der inzwischen niederging - auch der leichte Hauch des postfaktischen Zeitalters? Manche mögen es so sehen. Es gibt auch kritische Bürgergruppen, die sich um enen Vergleich der Argumente beider Seiten bemühen (siehe "pilsēta cilvēkiem"). Für andere ist es nur einer von vielen Versuchen, dem russischstämmigen Bürgermeister und den ihn stützende Parteien - die im lettischen Parlament Teil der Opposition sind - endlich und endgültig eine schlechte Amtsführung nachweisen zu können: für den 3.Juni 2017 sind die nächsten Stadtratswahlen angesagt.

22. Oktober 2016

Der Berg ist unser!

Was werden Besucherinnen
und Besucher in ein paar
Jahren auf Lettlands höchstem
Berg erblicken können?
Dies ...
Hat Lettland Berge? Nun ja, die Besucher sollten sich nicht durch Bezeichnungen wie "Livländische Schweiz" oder "Kurländische Schweiz" täuschen lassen - allenfalls Radreisende sind gelegentlich erstaunt von den "Unebenheiten" bei ihren Touren - aber auf diesem einen Berg, dem "Gaiziņkalns" war angeblich jeder einzelne Lette und jede Lettin mindestens einmal im Leben.

Doch dieses "Dach Lettlands", im östlichen Teil des Landes gelegen, ist heute nur noch als teilweise bewaldete Kuppe zu erkennen - wer die schmalen Feldwege hier herauf überhaupt findet; nur ein kleines Schild erinnert daran, dass die Besucher sich hier auf 311,6m über Meereshöhe befinden.

Eines ist jedoch jetzt neu, und nach jahrelangen Diskussionen frisch beschlossen: "es ist nun sichergestellt, dass der höchste Berg Lettlands wieder zu Allgemeinbesitz wird", verkündeten vor kurzem Inese Apele als Vertreterin der Eigentümergemeinschaft und Kaspars Gerhards, lettischer Minister für Umwelt und regionale Angelegenheiten. Die Spitze des "Gaiziņš" soll nun "im Besitz des Volkes" - also Staatseigentum werden, das legt ein Vertrag fest. Und auch ein neuer Aussichtsturm soll wieder gebaut werden - "ein Turm nicht wie in Saudi Arabien, sondern nach lettischer Eigenart", so Ex-Eigentümerin Apele (Latvijas Avize), die das 9,3ha große Gelände unbedingt dem Staat, nicht aber der Gemeinde überlassen wollte.

.... oder eher dies?
1982 - noch zu Sowjetzeiten - war zuletzt der Bau eines Aussichtsturms begonnen worden. Dieses Projekt wurde aber nicht beendet - so dass Wind und Regen, Frost und Schnee daran nagten. Schließlich wurde am 14.Dezember 2012 der unsicher gewordene Turm gesprengt (siehe Video) - ein neuer Turm konnte, entgegen aller Hoffnung, noch nicht errichtet werden. Alles hing daran, dass das Gelände um die Bergkuppe des Gaiziņkalns sich in Privatbesitz befand. 40m hoch war der bisherige Aussichtsturm - nun fehlt der Rundblick über die Umgebung.

Die örtliche Bauverwaltung hatte lange ihre Zustimmung verweigert, das insgesamt 44ha große Gelände aufzuteilen - falls es weniger als 10ha groß und für eine Bebauung vorgesehen sei, so sei dies gemäß der Bestimmungen der Gemeinde nicht zulässig - auf dieser Formalie bestand die Behörde lange. Kompliziert war auch, dass es insgesamt fünf Eigentümer gab - wovon keiner das Gelände selbst nutzt, sondern weiterverpachtete. Das Eigentum war nach Wiedererlangung der lettischen Unabhängigkeit den Nachkommen der lettischen Eigentümer zurückerstattet worden - die allesamt allerdings nicht in Lettland leben.

... oder vielleicht sogar
dieses Modell hier?
Um irgendwie auf den höchsten Punkt zu erreichen, seien Fahrzeuge auch schon vielfach quer über Wiesen und Felder gefahren, um ihr Ziel zu erreichen. Daher war auch ein Autoparkplatz mitten auf der Bergspitze schon in der Diskussion, mindestens ein Wendeplatz - eine Idee, die nicht von allen geteilt wird, befindet sich das Gebiet doch innerhalb es von der EU besonders geschützten Areals ("Natura 2000").
Durch die Einigung zwischen Behörden und Privateigentümern können nun konkrete Planungen zur Neugestaltung des Geländes beginnen. Auch die Tourismusämter hoffen auf attraktivere Vermarktungsmöglichkeiten.

Angeblich soll vertraglich auch festgelegt sein, dass der Staat sein geschenktes neues Eigentum hier nicht erneut privatisieren darf - was finanziell verlockend wäre, denn Investoren sollen schon mehrere Millionen Euro geboten haben, um auf Lettlands höchstem Berg aktiv werden zu können.

4. Oktober 2016

Lettische Arbeit, schwedische Dividende

Wenn Lettinnen und Letten "lettisch" kaufen möchten - ausgenommen das, was direkt bei den Bauern oder auf Märkten bezogen werden kann - dann heißt es zumeist: gehen wir zu RIMI! Denn jeder weiss schließlich, dass die Supermarktkette MAXIMA litauische Eigentümer hat - erkenntlich auch am Warenangebot. Nun steht hinter der RIMI-Kette allerdings der schwedische ICA-Konzern, und der scheint in Lettland, einem der Länder mit den durchschnittlich ärmsten Menschen in Europa, gute Geschäfte zu machen: in den vergangenen drei Jahren allein 63 Millionen Euro, 55 Millionen Euro wurden den Eigentümern als Dividende ausgezahlt.

Der Erfolg von RIMI hat mehrere Gründe: saubere und frisch renovierte Läden, produktivere Arbeitsprozesse, und billige Arbeitskräfte - so beschreiben es Inga Spriņģe und Sanita Jemberga vom "Zentrum für investigativen Journalismus RE:Baltica" ("IR"/ TVNet). In Schweden bekommen Kassiererinnen und Kassierer dreimal so hohen Lohn wie in Lettland (nach lettischem Preisniveau berechnet), in Estland liegt das Lohnniveau noch um 100 Euro monatlich höher. Der härteste Konkurrent in Lettland, MAXIMA, zahlt allerdings seinen Angestellten in etwa dasselbe. Gibt es da Absprachen?

Verglichen mit dem, was ansonsten an Arbeitsplätzen in Lettland zu finden ist, scheint es bei RIMI noch ganz gut auszusehen: Lohn wird nicht heimlich "im Umschlag", sondern ganz legal versteuert auf Konto überwiesen. Es gibt Aufstiegsmöglichkeiten, Krankenversicherung, Weiterbildung. In den Firmen des lettischen Verbands für Lebensmittelhandel (Latvijas Pārtikas tirgotāju asociācijā), zu dem neben RIMI und MAXIMA noch NARVESEN gehört, wird zu 19% Mindestlohn gezahlt - in anderen Läden sind es 33%. Journalistin Spriņģe verweist auf eine Untersuchung der lettischen Hochschule für Wirtschaft, der zufolge gerade in den kleinen Läden der größte Anteil an "Schattenwirtschaft" (Schwarzarbeit) zu finden ist, an der Spitze liege hier das Bauwesen. RIMI war 2015 mit 5731 Angestellten der drittgrößte Arbeitsgeber in Lettland, nach der lettischen Eisenbahn mit 7173 und MAXIMA mit 9150 Mitarbeitern (db). Aber ihr Lohnniveau macht nur  67% des statistischen mittleren Lohnes in Lettland aus: 2015 lag dieses Mittel bei 550 Euro brutto; Supermarktkassierer bekammen im Schnitt nur 470 Euro.

Nun ja, die Gewerkschaften gelten in Lettland als eher schwach. Und in Estland ist das Lohnniveau beim Schwesterunternehmen vielleicht deshalb höher, weil auch gering Qualifizierte leicht nach Finnland abwandern können.
Auch eine Erhöhung des Mindestlohnniveaus wird momentan diskutiert; nach gegenwärtig gültigen Regelungen würde der Mindestlohn 2018 dann in Estland 470 Euro betragen (in Litauen und Lettland etwa 380 Euro - niedriger ist der Mindestlohn in der EU nur in Bulgarien, Rumänien und Ungarn). Zudem liegen die Steuerabgaben in Lettland mit 40% des Lohnes sogar noch höher als in Estland, wo es nur 34% sind. RIMI begründet die Zurückhaltung gegenüber Lohnerhöhungen momentan mit dem bevorstehenden Bau eines großen Logistikzentrums in Riga, und Investitionen in Höhe von 75 Millionen Euro ("IR"). Zudem ist die Grenze für steuerfreien Mindestverdienst in Estland höher als in Lettland (170 Euro gegenüber nur 100 Euro in Lettland). Erst 2020 wird dieses steuerfreie Minimum auch in Lettland bis 160 Euro steigen.

RIMI verweist unter anderem auf eine Auszeichnung aus dem Jahr 2015 als "bester Arbeitgeber Lettlands". Der Preis wird allerdings nicht etwa von den Gewerkschaften, sondern vom Arbeitgeberverband (Latvijas Darba devēju konfederācija LDDK) verliehen, Antragsteller müssen lediglich einen Katalog von 15 Fragen beantworten - eine Frage zum Lohnniveau ist nicht dabei. Die LDDK hat sich mehrfach gegen eine Erhöhung des Mindestlohnniveaus in Lettland ausgesprochen - ebenso das lettische Finanzministerium und die lettische Zentralbank. Eines der Gegenargumente ist auch die Rechnung, dass bei einer Erhöhung des lettischen Mindestlohns auf - beispielsweise - 410 Euro schon 70% aller Arbeitnehmer/innen in Latgale nur den Mindestlohn verdienen würden (und auch überall sonst, außer in Riga und Umgebung, wären es über 50%). Natürlich könnten die Argumente hinzugefügt werden, die auch in Deutschland von Arbeitgeberseite gewöhnlich oft benutzt werden - aber was hilft das alles, wenn ein Arbeitslohn kein normales Auskommen bietet? Die Lebensmittelkette RIMI ist dafür nur ein Beispiel. Welche Kosten jeder Konsument in Lettland zu bestreiten hat - und wie wenig sich das Preisniveau von dem in wohlhabenderen EU-Ländern unterscheidet - auch das lässt sich allerdings leicht ebenfalls den bunten RIMI-Katalogen entnehmen.

29. September 2016

Lettlands Filmoffensive

Ein Sommer - als sei es der letzte gewesen! Diesen Eindruck konnte gewinnen, wer in den vergangenen Wochen in Lettland unterwegs gewesen ist. Gleich mehrere Filmteams sorgten sich darum, die richtigen Szenen in den Kasten zu bekommen, alle vor allem mit dem einen Gedanken: 2018, zum 100sten Geburtstag der Republik, muss es fertig sein!

Schon seit 2014 dauern die Arbeit an "Der Ring des Namejs" ("Nameja gredzens"), einem Monumentalwerk rund um die Geschichte von Lettlands südlichem Landesteil, Zemgalen, im 13. Jahrhundert. Inzwischen ist man bei den Szenen angekommen, die in Lettlands Filmstädtchen "Cinevilla" gedreht werden können, dort, wo auch "Rīgas sārgi" (dt. "Die letzte Front"), "Baiga vasara" (dt. "der schreckliche Sommer") oder "Sapņu komanda" ("Dream team 1935") aufgenommen wurde - ein weiterer ist ebenfalls in Produktion: "My dear Muenchhausen", rund um das Leben des wahren Barons Münchhausen in Livland.
Die filmisch inszenierte Wikingerzeit wird dabei auch zur Eigenfinanzierung des Projektes genutzt: "sportliche Wettkämpfe in echter Mittelalteratmosphäre" wurden in Cinevilla angeboten, gerade in der Sommer- und Ferienzeit. "Werde zum Führer Deines Stammes" war hier der Werbeslogan. -
Derweil treffen Touristen sicherlich an vielen Stellen auf "Namejs Ringe" - seine Machart ist unverwechselbar, so wie es z.B. von "Baltu Rotas" angeboten wird. Die Macher des Films geben derweil zu, dass sie keine Geschichte der historischen Fakten erzählen werden - es werden vielmehr neue Legenden gestrickt (lsm). "Die wahren Begebenheiten sollten aber nicht so stark verdreht werden, dass das Resultat dann nur noch mit Ironie ertragen werden kann," hofft Historiker Ēriks Jēkabsons.

Der 20.August 2016 wird filmisch mit dem 23.August 1989 verbunden bleiben: 27 Jahre und einige Tage nach der historischen "Baltischen Kette" (auch "Baltischer Weg" genannt), damals aus Protest gegen die gewaltsame Einverleibung der baltischen Staaten durch die Sowjetunion in Folge des am 23.8.1939 zwischen Hitler und Stalin geschlossenen Freundschaftsabkommens. Diesmal hatte die Filmregisseurin Madara Dišlere eingeladen: selbstverständlich wurden hunderte von Statisten benötigt, um auf einer Landstraße nahe Cēsis die damaligen Ereignisse filmisch nachzustellen. "Paradies 89" ("Paradīze 89") wird dieser Film heißen, als Kinderfilm angelegt, basierend auf den Erinnerungen der Regisseurin selbst. Im Film ist es die neunjährige Paula und ihre Cousinen in den Hauptrollen.Am Ende wurde auch dieser 20.August zu einem heißen, sonnigen, aber anstrengenden Tag: mit 700 angereisten Statisten.

Szene aus "Vectēvs kas bīstamāks par computer"
Auch die Filmproduktion der Firma "Deviņi" hat sich ein großes Thema vorgenommen, und auch hier geht es um ein junges Mädchen: die Verfilmung des dreibändigen Werkes "Bille" von einer der bekanntesten Schriftstellerinnen Lettlands, Vizma Belševica. Die Idee dazu soll schon vor 10 Jahren entstanden sein, als Belševica noch lebte - gedreht wird heute am originalen Schauplatz in der Vārna iela in Riga, wo auch die kleine Vizma tatsächlich lebte. "Historische" Zeiten sind es hier in sofern - "Bille" erzählt vom Leben im Riga der sogenannten "Ulmaniszeit" (ab 1934 regierte Staatspräsident Kārlis Ulmanis autoritär, schaffte die Parteien ab, und scheiterte tragisch mit Beginn der sowjetischen Okkupation). Bille pendelt zwischen der Welt der Reichen und derjenigen der Armen. Die Regisseurin Ināra Kolmane erregte bereits mit "Ručs and Norie" Aufsehen, die Produktionsfirma "Deviņi besteht bereits seit 1991 und wurde von Kolmane gegründet. In der Titelrolle der "Bille" ist Rūta Kronberga zu sehen - ausgesucht aus mehreren Hundert Kandidatinnen.

Auch bei "Film Angels Productions", die sonst mit Werbefilmchen (auch für deutsche Kunden) ihr Geld verdienen, arbeitet man ebenfalls an der Verfilmung einer Literaturvorlage: "Homo Novus" von Anšlavs Eglītis erschien in schwierigen Zeiten: im Jahr 1944. Der Autor selbst floh in den Westen: zunächst nach Berlin, dann in die Schweiz, schließlich in die USA. Die Geschichte des Buches aber erzählt vom jungen Künstler Juris Upēnajs im Riga der 20iger und 30iger Jahre, als die lettische Hauptstadt noch Zentrum kreativer Kulturschaffender war. Ein Buch, das Riga als etwas wie das "Paris des Nordens" beschrieb - das künsterische Traumbild war Paris damals aus lettischer Sicht allemal - und die lettische aufstrebende Künstlerbohéme thematisierte (in deutscher Übersetzung 2006 im Weidle Verlag erschienen, leider vergriffen).

Zumindest einen witzigen Titel verspricht ein weiterer Kinderfilm: "Großvater gefährlicher als der Computer" ("Vectēvs, kas bīstamāks par datoru"). Auch hier ein Familienfilm, rund um den achtjährigen Oskar. Seine Eltern nehmen ihm den geliebten Computer weg, und schicken den Jungen zum Opa aufs Land - so heißt es im Plot zum Film. Wie das ausgeht, wird man im Film beobachten können. Auch dieser Film wurde im Sommer diesen Jahres gedreht, in der Gegend rund um Kuldiga.

Insgesamt sind es 16 Projekte (6 Spielfilme, 8 Dokumentarfilme und 2 Animationsfilme) unter dem Motto: "Latvijas filmas Latvijas simtgadei" (Lettische Filme für Lettlands 100-jähriges). Das Gesamtbudget soll bei 7,5 Millionen Euro liegen. Lettland setzt also 2018 vermehrt vor allem auf bewegte Bilder - mal sehen, wie viel davon auch international Beachtung findet.

"My dear Munchausen" (Regie Aigars Grauba, Platforma) - Trailer
"Nameja gredzens" (Regie Aigars Grauba, NKC, Facebookseite) - Making-off-Trailer
"Paradīze 89" (Regie: Madara Dišlere, Tasse-Film - Facebookseite) -  Trailer
"Bille" (Regie: Ināra Kolmane, Devini-Film) - Trailer - Facebookseite
"Homo Novuss" (Regie: Anna Viduleja, "Film Angels Productions") - Trailer
"Vectēvs, kas bīstamāks par datoru" (Regie: Varis Brasla, F.O.R.M.A. Studio), - Facebookseite - Trailer

Gesamtauflistung aller Filmprojekte in diesem Rahmen: PDF-Datei

21. September 2016

Lettisches Präsidentenmodel, in Grün

Nun ja, vor wenigen Monaten noch mussten wir Sorge haben, dass der lettische Präsident Raimonds Vejonis sich gesundheitlich überlastet - er landete kurzfristig im Krankenhaus (siehe Blogbeitrag). Nun machte er durch ganz andere Dinge Schlagzeilen - von körperlichen Schwächen keine Rede mehr, im Gegenteil: zusammen mit seiner Frau wagte er sich auf den Laufsteg. Das präsidiale Paar stellte sich als Models für das italienische Modemaganzin ""Collezioni Haute Couture" und die Kreationen der lettischen Designerin Anna Omushkina zur Verfügung - unter der Überschrift: "Portraits von Träumern". Zumindest was die Reaktion in den Medien angeht, ein voller Erfolg.

Der Präsident habe sich wohl inspirieren lassen von seinem kürzlichen Zusammentreffen mit seinem italienischen Kollegen, schreibt lsm. Bisher habe Vejonis ja gerne damit gepunktet, der "normale Mensch aus Madona" zu sein, geerdet und eher zurückhaltend. "Jetzt kommt Vejonis zum einen als eine Art Riviera-Aristrokrat daher, dann wieder eher als Marcello-Mastroianni-Typ, dem nur noch der Sportwagen zum La Dolce Vita fehlt" (lsm).
Nein - nicht die neue
Stewardess bei
AIR BALTIC:
präsidiale Hutmode
Während diese Aussagen noch verhalten positiv ausfallen, gibt es auch Kritiker/innen: Ein Präsident als Model, dass entspricht nicht der Würde seines Amtes - meint Sozialwissenschaftlerin Skaidrīte Lasmane (Portal Delfi.lv). Unter den Leserreaktionen sind sogar solche wie diese: "So geht es eben, wenn man einen aus Latgale zum Präsidenten wählt" (lettisch "Čangalis" - womit oft auch ein "schlecht erzogener, benachteiligter Mensch" gemeint ist). Aber es gibt auch heftigen Widerspruch in der Netzgemeinde, so in der Art "was wollt ihr denn, er hat doch nicht für den Playboy posiert?" Oder auch weibliche Verdächtigungen: Diese Aktion habe sich bestimmt Vejonis' Frau Iveta ausgedacht. "Vielleicht will er auch einfach die 'yellow press' bei uns ein bischen füttern," meint Politologe Filips Rajevskis bei "bb-vesti.lv". Journalist Māris Zanders kommentiert für die "DIENA": "Das bloße Posieren kann man wohl nicht kritisieren - denn auch in der Politik ist das ja schon zur Gewohnheit geworden - die Leute schauen eben nur auf die 'Show', die Politiker machen, weil sie es inzwischen so gewohnt sind. Sollte es anders gemeint gewesen sein - wird es nicht beachtet."

Das Portal "Kas Jauns" zitiert Aija Strautmane, Ex-Konsulin und Dozentin für Etikette und Benimmregeln: "das ist ein Foto, wie es früher das Politbüro bestellt hat, um jemand einfach in der Öffentlichkeit vorzeigbar zu machen. Dabei weiss doch jeder: der Präsident und seine Frau sind eigentlich attrraktiv und sympatisch. Aber so - in dieser Form - sie sehen nicht gerade aus als ob sie Investoren ins Land holen könnten."

Dabei ist Vejonis nicht mal der erste lettische Politiker, der Omushkinas Kollektionen präsentiert: auch Rigas Vize-Bürgermeister Andris Ameriks brachte sie schon einmal mit neuem Outfit heraus.

Immerhin besteht Grund zu glauben, dass im Fall des Ehepaars Vejonis die "Models" mitbestimmt haben: der Hut von Frau Präsidentin wird auf Facebook als "Spezialanfertigung" ausgewiesen, auf Bestellung. Also: wer bei Familie Vejonis den Hut aufhat, ist schon mal klar. Man kann sich vielleicht die vorhergehende Diskussion vorstellen. "Raimonds, ich kaufe mit einen neuen Hut! - Na gut, Schatz, aber wenn, dann nur in Grün - schließlich bin ich in der Zaļa Partija!"

Vorläufig ist auch das lettische Büro zur Korruptionsbekämpfung (abgekürzt "KNAB") unerbittlich: es wurden Details zum Modeshooting beim Präsidenten angefordert (bnn); Pressemeldungen zufolge soll es vor allem um Fragen danach gehen, ob der Präsident in diesem Zusammenhang irgendwelche Geschenke angenommen hat. Eines ist sicher: das oben genannte Modejournal und auch die Designerin sind sicherlich zufrieden, auch mit der Wirkung in der Öffentlichkeit.

14. September 2016

Unsichere Arbeitsplätze

Wer in Lettland lebt, hat oft einen unsicheren Arbeitsplatz. Sogar anerkannte Flüchtlinge wandern u.a. deshalb wieder aus Lettland aus, weil es keine Chance gibt einen Arbeitsplatz zu bekommen (siehe auch: Spiegel, Merkur, lsm).

Also, es ist nicht einfach, in Lettland seinen Arbeitsplatz zu sichern. Eine neue Statistik von "Eurostat" ist arbeiten in Lettland zudem auch gefährlich: 4,5 tödliche Unfälle pro 100.000 Arbeiterinnen und Arbeitern wurden im Jahr 2014 verzeichnet. In Deutschland, wie auch in Schweden und Großbritannien war es nur ein Todesfall auf 100.000 ("IR", "NRA"). Zusammen mit Nachbarland Litauen (4,7 auf 100.000) liegt Lettland unter den EU-Mitgliedsstaaten, diese Statistik betreffend, auf Rang drei und vier.

2015 versuchte die zuständige Behörde für Arbeitssicherheit (Valsts darba inspekcija VDI) diesen Zustand durch vermehrte vorbeugende Kontrollen zu verbessern. Mithilfe von Informationsmaterialien und dem Motto "Strada vesels" (arbeite gesund) will man ferner eine erhöhte Aufmerksamkeit unter den Arbeitenden erreichen. Der Clou: mit Hilfe von Rechenbeispielen sollen die realen Folgekosten eines Arbeitsunfalls angeblich ausrechenbar sein. Ob's hilft? Die meisten Arbeitsunfälle geschehen in Lettland in der holzverarbeitenden Industrie, in der Bauwirtschaft und im Bereich Verkehr.

3. September 2016

Handwerker und Musikanten

Kokle spielen ist kein neuer Trend - schon ungefähr 2000 Jahre wird dieses Instrument gespielt und zählt zur Familie der "Chordophone" - der Ton wird also durch eine schwingende Saite erzeugt. Die lettische Kokle ist verwandt mit der estnischen Kannel, der litauischen Kankle, und der finnischen Kantele (siehe Museumofworldmusic). Deutsche erinnert es meist auch an eine Zither, Russen bezeichnen die Kokle auch schon mal als "frühe Balaleika" (Vorläuferin?). Herleitungen des Wortes vom russischen "kolokol" (für Glocke) können aber wohl nur denen unterlaufen, die weder finnisch, estnisch, litauisch noch lettisch können; schließlich bedeutet "koks" auf Lettisch ganz einfach Baum, oder auch Holz. Dennoch interessant, dass sogar Balalaika-Fans dieses Instrument auf die Kokle zurückführen. Wer sich für die lettische Sichtweise interessiert, wird bei Valdis Muktupāvels nachlesen. "Die aktive Kokle-Szene ist größer als gedacht," bestätigt der Etnomusikologe, und nimmt auch noch eine andere Einteilung vor: "Es gibt die historischen Kokles, die Konzertkokle, und auch die elektrische Kokle". Oder, nach Saitenzahl eingeteilt: es geht von einer einfachen Kokle (mit 10 Saiten) bis zur Konzertkokle (mit 35 Saiten). Viele Klassifikationen von (Weltmusik-)instrumenten lassen sich finden, denen zufolge ein Land auch mit einem bestimmten Instrument identifiziert wird: im Falle von Lettland ist das die Kokle (siehe: "Lernhelfer").

Wer nun glaubt, Kokle spielen käme langsam irgendwie aus der Mode - denn auch die lettische Musikszene orientiert sich ja international - das Gegenteil scheint der Fall zu sein! Wie gesagt, aus Sicht der Kenner von Musikinstrumenten identifiziert sich Lettland sowieso genau über dieses Instrument. In einem Beitrag für die Zeitschrft "IR" (15.6.2016) beschreibt Andris Roze, wie eine Kokle sogar selbst hergestellt werden kann: "in den 1930iger Jahren wurde das jedem lettischen Pfadfinder empfohlen. Ich bin dazu gekommen, einfach weil mir vor 16 Jahren meine Tochter sagte, sie wolle Kokle spielen. Da sind wir zum Kokle.Meister Māris Jansons gegangen, der bei Cēsis wohnt, und haben es uns zeigen lassen. Seitdem baue ich selbst die Kokle." Während Ex-Meister Jansons inzwischen in Sibierien lebt, hat es Roze selbst übernommen, die Tradition weiterzugeben: im Rahmen von Workshops können Interessierte bei ihm lernen, sich selbst eine Kokle herzustellen. Und er weist darauf hin, dass er inzwischen nicht mehr allein ist: Ģirts Laube arbeitet in Druviena, Eduards Klints in Līgatne, Jānis Rozenbergs in Rīga, Gunārs Igaunis in Rēzekne.

"Pats savas kokles meistars", so ist hier die Devise ("Sei deiner eigenen Kokle Meister"). Nicht etwa Eichen-, Eschen- oder Ulmenholz kommt hier zum Einsatz, (zu hart!), sondern eher Fichte, Linde oder Espe. "Die Tonlage bei den Laubbaumhölzern ist weicher, samtener," meint Roze, "bei etwas festerem Holz wie Fichte oder Kiefer ist der Ton lauter, sehr klar, fast wie eine Glocke." Musikprofessor Valdis Muktupāvels kann auf einige Jahrzehnte Erfahrung mit lettischen Musiktraditionenen zurückblicken. "Auch bei uns war die Folklorebewegung schon in den 70iger, 80iger Jahren," sagt er. "1988 dann noch einmal, zum großen Festival 'Baltica'. Aber nach 1991 ging es schnell bergab. Das ist erst nach der Wirtschaftskrise, so um 2012, wiedergekommen in Lettland."

Früher war der Status der Volksmusikinstrumente erheblich eingeschränkt in Lettland, meint Muktupāvels. Experimentieren, ausprobieren, das ging nicht. Die Konzert-Kokles der Musikakademie gehörten zur Abteilung Volksmusik. Glücklicherweise sei diese Abteilung heute ganz aufgelöst. Die Kokle werde einfach zu den Saiteninstrumenten gezählt, so können auch die Komponisten heute aufatmen.In Finnland und Estland ist das schon längst so - Litauen werde auch noch folgen.

Auch im Internet gibt es verschiedene Kokle-Interessengruppen, allerdings fast alle nur in Lettisch. Nicht alle empfangen ihre interessierten Gäste so empathisch wie Rasa und Girts Laube: auf "Zelta spēles": "Wir machen Musikinstrumente, musizieren, und haben die Ehre unserem Volk die Kultur unserer Vorväter zu vermitteln. Wir empfinden das als übernationalen, kosmischen Schlüssel zum Wissen, um auf der Erde in Frieden, Freude und Glück zu sein."

Beim Folkmusiklabel "Lauska" ist auch noch das Buch zur Kokle zu haben: natürlich von Valdis Muktupāvels. Wer eine Konzertkokle sucht, zum Preis von mehreren Hundert Euro, wird vielleicht in der Werkstatt von Pēteris Putniņš fündig. Jēkabs Zariņš, genannt "piekūns" (Falke), hat auf seiner Webseite ebenfalls eine Reihe nützlicher Infos zur Kokle versammelt (auch in Englisch), dazu noch eine Liste von Adressen der lettischen Kokle-Meister, plus Tipps wie diese am besten zu kontaktieren sind. Nicht alle leben offenbar abgeschieden auf dem Lande, auch Facebook-Seiten oder Smartphones sind unter den Kokle-Spielern angekommen. Musikbeispiele finden sich auch auf Youtube oder Soundcloud,und auch einen Blog zum Koklespielen gibt es: "Kokles rullee!"

25. August 2016

Feinstes Porzellan - malerisch

Rosenthal und Rozentāls - wer diese feinen Unterschiede, vor allem in der lettischen Schreibweise, beachtet, wird nicht im Porzellanladen landen. Nein, das frisch renovierte Lettische Kunstmuseum in Riga wäre gegenwärtig vielmehr der beste Ort, um sich mit Janis Rozentāls, 1866 als Sohn eines Schmieds im kurländischen Saldus geboren, heute einer der bekanntesten "Klassiker"der lettischen Malerei, bekannt zu machen.

Aus Anlaß seines 150.Geburtstages sind in Riga eine Auswahl von 140 seiner Werke zu sehen: Malerei und Grafik, manchmal figürlich, manchmal Landschaftsmalerei, aber auch charakteristische Szenen aus dem Alltags- und Sonntagsleben der damaligen Letten, die sich Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gerade erst ihrer Eigenart und ihrem Willen zur Eigenständigkeit zu besinnen begonnen hatten. Manchmal impressionistisch, manchmal symbolistisch - auch Jugendstil und die lettische Folklore prägten ihn.

eines der berühmtesten Rozentāls-
Bilder: "nach dem Kirchgang"
Nachdem er seine Schulzeit noch im Alter von 14 Jahren aus Geldmangel beenden musste, gelangte er über eine Handwerksschule nach St. Peterburg. Bis 1894 studierte er an der dortigen Kunstakademie, bevor er nach Lettland zurückkehrte und 1903 die finnische Sängerin Elli Forsell heiratete. Die Heirat fand in Helsinki statt - diese Stadt wurde allerdings nicht gerade zum Symbol seines Glücks. Als sich im 1.Weltkrieg die Front Riga näherte, zog Familie Rosentāls nach Helsinki um, wo Janis Rosentāls erkrankte und schließlich am 26. Dezember 1916 starb. So entstand wohl auch die Überschrift zur heutigen Ausstellung: Augen auf Finnland, Herz in Lettland.

noch ein bekannter Rozentāls
- eindeutig mitten im Jugendstil -
"Prinzessin mit Äffchen"
Als Spiegel seiner Zeit wirken heute seine vielen Porträts, darunter seine Frau Elli Forsell und sein Freund, der Schriftsteller Rūdolfs Blaumanis. In seinen Landschaften schuf er ein lyrisches Abbild seiner Heimat. Er gestaltete auch mehrere Altarbilder in lettischen Kirchen. Sein Schaffen war sehr vielfältig: auch gestaltete er Bücher, schuf Plakate und Zeichnungen, experimentierte mit verschiedenen Materialien und Stilarten. "Rūķis" (was soviel heißt wie Zwerge, oder Wichtel) nannte sich eine Gruppe von Studenten im St.Petersburg der 1890iger Jahre, die sich dem Alltagsleben, der Natur und der Geschichte ihres Heimatlandes widmen wollten. Für soziale Themen offen zeigte sich Rozentāls auch später, wenn es darum ging, anderen lettischen Malern und Künstlern zu helfen.

Der große Andrang an Besuchern der Ausstellung zeige, wie beliebt der Maler heute in Lettland ist - so die lettische Presse. Sowohl das nationale Element findet sich hier, wie auch etwas sehr modernes, ja sogar ein wenig "Kosmopolitismus", urteilt die "Latvijas Avize" und schlußfolgert: "Jedem sein eigener Rozentāls". Mit ihm kamen damals andere Künstler seiner Generation auf, die allerdings noch die Zeit des unabhängigen Lettland erleben konnten: Vilhelms Purvītis, Johans Valters (dt. Johann Walter-Kurau), oder auch der Bildhauer Teodors Zaļkalns (Grīnbergs). "Selbst heute", so die "Latvijas Avize" weiter, "ist so jemand selten zu finden, der sowohl Gemälde höchster Qualität von Familien, Porträts. Landschaften oder Stilleben malt, gleichzeitig mystische oder märchenhafte Motive, dann wieder Altarbilder - kein Rückblick auf die lettische Kunst kommt heute ohne einen Rozentāls aus." TVNet zitiert aus einer kunsttheoretischen Schrift des Künstlers: "Etwas Neues in jeder Arbeit zu schaffen, das ist das Ideal des Künstlers." Und die NRA titelt, leicht pathetisch, über Rozentāls: "Ein Genie aus der armen Bauernschmiede."

Die Ausstellung der Werke von Janis Rozentāls ist bis zum 30.Oktober im Lettischen Nationalen Kunstmuseum zu sehen.

17. Juli 2016

Schlechtere Bildung durch Lohnerhöhung?

Fürs neue Schuljahr, das im September beginnen wird, stellt die lettische Regierung einen völlig überarbeiteten, neuen Besoldungsplan für die Pädagoginnen und Pädagogen des Landes vor. Damit verbunden wird die Minimalbesoldung für Lehrerinnen und Lehrer von 420 auf 680 Euro steigen. Allerdings gibt es hier eine Hintertür für die Regierung, die natürlich immer noch über knappe Finanzmittel klagt: die Erhöhungen fallen, je nach dem in welcher Art Einrichtung man arbeitet, sehr unterschiedlich aus, und die vorgesehenen Strukturänderungen lassen noch viele Fragezeichen offen.

Vom 1. September an sollen die Beschäftigten in den allgemeinen Bildungseinrichtungen, Berufsschulen und Grundschulen die Erhöhung erhalten - in den Kindergärten jedoch steigt der Mindestlohn zunächst nur bis 620 Euro und soll dann erst ein Jahr später angehoben werden. Auch für Angestellte der Hochschulen und Colleges in Lettland soll der Lohn steigen, allerdings erst innerhalb von drei Jahren. Insgesamt sind es viele detaillierte Einzelbestimmungen, die - um das zukünftige System der Pädagogenlöhne wirklich zu verstehen - ein intensives Studium der vielen Einzelbestimmungen erfordern. So wird der konkrete zu erwartende Bruttolohn sowohl von der Schülerzahl pro Klasse abhängig gemacht (je mehr Schüler, desto höher der Lohn), als auch von "Qualitätszuschlägen", die aus dem Budget der zuständigen Gemeinden kommen sollen. Die mittlere durchschnittliche Entlohnung für Lehrer in Lettland soll danach dann bei 829 Euro (brutto) liegen (siehe Bildungsministerium).

Offenbar wird in Zukunft die Entlohnung besonders der Beschäftigten in Kindergärten davon auch davon abhängen, ob sich die Einrichtung in einer ärmeren oder einer wohlhabenderen Gemeinde befindet. Der jetzige Regierungsbeschluß sieht vor, es den Gemeinden freizustellen den Lohnaufschlag zu zahlen oder nicht. Eine Taktik, deren Hintergedanken der zuständige Minister Šadurskis offen zugibt: "Nächstes Jahr sind Gemeinderatswahlen - und den Gemeindebürgermeister möchte ich sehen, der so mutig ist das vor den Wählern abzulehnen!" (lsm)

Die Gemeinden aber halten sich bisher mit entsprechenden Beschlüssen dazu zurück. Die 110 Gemeinden und 9 Städte Lettlands erhielten inzwischen alle einen Brief der lettischen Gewerkschaft für Bildung und Wissenschaft (Latvijas izglītības un zinātnes darbinieku arodbiedrība - LIZDA); darin versucht die Gewerkschaft ihren Standpunkt zu erläutern: eigentlich sei man für die Sicherstellung sämtlicher Einrichtungen aus staatlichen Mitteln, jedoch lasse der Regierungsbeschluss vom 5. Juli nun leider viele Möglichkeiten der Ungleichheit offen. Man habe außerdem Verständnis für die Bemühungen vieler Gemeinden um die Bildungseinrichtungen, wo deren Unterhalt bis zu 50% des Gemeindehaushalts ausmachen können. Allerdings sind nur 54% der Beschäftigten im Bildungsbereich Gewerkschaftsmitglieder - und vielleicht hoffen die einen noch auf schlichte Fortsetzung alter Lehrmethoden mit erhöhten Lohnansprüchen, während andere längst aus dem pädagogischen Bereich in andere Berufe "geflohen" sind, auch ins Ausland.

Einige Gemeinden wehren sich aber bereits dagegen, dass der Unterhalt der Kindergärten nun vielleicht ganz auf ihre Kosten erfolgen soll. "Wir in Daugavpils gibt es vier Kindergärten für Kinder mit geistigen und körperlichen Behinderungen, hierhin kommen aber Kinder aus der gesamten Region", erzählt Zane Isajeva, stellvertretende Leiterin einer dortigen Einrichtung, im Interview (lsm). "Wir müssten dann die Einrichtung bezahlen, die Materialien, Verpflegung - gar nicht zu reden von den Lohnkosten für die Pädagogen!" Die Gesamtausgaben für diesen Bereich werden in Daugavpils auf 840.000 Euro berechnet, dieses Jahr kämen 200.000 Euro dazu, die im Gemeindehaushalt bisher nicht vorgesehen sind.

Diese Diskussionen werden wohl in Lettland momentan keine Sommerpause haben.

3. Juli 2016

Langer Sommer, kurzes Jahr

Wenn in Lettland die Zeit der Mitsommerfeiern gekommen sind, liegen bei den Jüngeren die Gedanken an Schule und Prüfungen längst weit zurück - während in Deutschland zumeist der Ferienbeginn noch auf sich warten lässt. Mit insgesamt 17 Wochen pro Jahr - die Staatsfeiertage nicht eingerechnet - und 13 Wochen im Sommer am Stück, nahezu der gesamte Juni, Juli und August haben die Schulkinder Lettlands bisher die längsten Ferien in ganz Europa. Erst am 1.September treffen sich Schüler und Lehrer wieder, und feiern den Schulanfang in der Regel laut und fröhlich.

Zu lange Ferien?
Aber dieses sommerliche schulfreie Paradies ist wieder einmal in der Diskussion. Kārlis Šadurskis, seit Februar 2016 ins Amt als Bildungsminister zurückgekehrt (er war es zwischen 2002 und 2004 schon einmal), sieht sich vor die Aufgabe gestellt eine Reihe von Reformen im lettischen Bildungssystem durchzuführen. Neben dem Wunsch vieler kleiner Gemeinden, auch die relativ kleinen Schulen zu behalten, und dem Wunsch der Lehrerinnen und Lehrer nach höheren Löhnen und besseren Fortbildungsmöglichkeiten könnte auch eine Verlängerung des Schuljahres auf dem Arbeitsplan stehen.

Eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung offenbarte außerdem bisher ungeahnte Schwächen des lettischen langen Sommers: dieses System trage dazu bei, die sozialen Unterschiede noch zu verstärken: bei sehr langen Lernpausen sollen demzufolge besonders das mathematische Verständnis und die Lesefähigkeiten nachlassen; das wurde damit erklärt, dass Kinder in besser gestellten Familien in den Ferien auch Museen besuchen, an Ferienlagern teilnehmen, oder Bücher lesen. Diese Studie wird bestätigt von den PISA-Studien, die einen großen Unterschied der Leistungen von Schülern aus wirtschaftlich besser gestellten und schwächeren Regionen feststellt - wie hoch der Prozentsatz an schlechter gestellten Familien ist, darauf weist schon die Tatsache hin dass 39% der Kinder (83.000) ein kostenloses Mittagessen in der Schule wahrnehmen ("IR" 13.4.16).

Ergebnisse einer Umfrage zu Freizeitaktivitäten lettischer
Jugendlicher (Quelle: Bildungsministerium)
Auch einige Unterrichtsfächer gelten als ausbaufähig; so der Sportunterricht - auch in Lettland gilt mangelnde Bewegung inzwischen auch bei Jugendlichen als Gesundheitsrisiko - daher mischte sich letztes Jahr auch schon der Gesundheitsminister ein, und schlug ebenfalls eine Verlängerung des Schuljahres vor (siehe: e-klase); allerdings hätte er die langen Sommerferien vielleicht nicht als "Überbleibsel der Sowjetzeit" brandmarken sollen - das stieß auf wenig Gegenliebe.

Voll gepackter Stundenplan
Aber ein Ausbau von Unterrichtsstunden ist im gegenwärtigen System kaum möglich: der Stundenplan reicht sowieso schon bis um drei Uhr nachmittags, danach gehen viele noch zum Sporttraining, Tanzen, zur Musik- oder Kunstschule, und schließlich noch Hausaufgaben.
Ferienzeiten in Europa
Auch neue Herausforderungen und Themen müssten zukünftig stärker eingebaut werden: von der Arbeit mit neuen Medien, Verkehrserziehung, Gesundheitsfragen. Weiterbildungen sollen ausserdem mehr Flexibilität der Unterrichtsmethoden erbringen - mehr interaktives Lernen für die Schüler, weniger Stress für Lehrerinnen und Lehrer.
Es gibt auch Schuldirektoren, die einer Verlängerung des Schuljahres schon deshalb zustimmen, weil es lettische Privatschulen sind, die zusätzlich zum Lehrplan auch bisher schon künstlerische Workshops, wissenschaftliche Untersuchungen in der Natur, oder Englisch-Sonderkurse anbieten.

Gegner einer Änderung argumentieren u.a. damit, dass die Sommerferien in Estland und Finnland, wo regelmäßig gute Schulleistungen festgestellt werden, nur wenige Tage kürzer sind als in Lettland. Andere wiederum wenden ein, es mache wenig Sinn, während der heißen und schwülen Zeit in Schulklassen zu sitzen, wenn es dort auch keine Ventilatoren oder Klimatisierung gäbe - diese Ansichten kann man wohl nur im hohen Norden Europas haben.
Und es gibt auch noch ein ganz anderes Argument: Eltern und auch Lehrer, die lange Schulferien dazu nutzen, um zusätzliche Jobs anzunehmen, etwa im Tourismus, um ihr eigenes Budget aufzubessern.
Die ersten Versuche, das Schuljahr in Lettland zu verlängern, wurden bereits unter Bildungsminister Māris Vītols (im Amt 1999 - 2000) gemacht; auch 2011 sahen die Pläne schon mal sehr konkret aus (siehe Blog). Im Moment deutet noch nichts darauf hin, dass es diesmal durchgesetzt werden wird - zu populär sind die langen Ferien bei den Schülern, zu unpopulär die Politiker.Ein echtes "Sommerlochthema".

30. Juni 2016

Quadratisch, würzig, lettisch

Nicht alle, die zu Sowjetzeiten mit neuen Produktideen die lettischen Verbraucher überzeugen wollten, haben es damit bis in die heutigen Zeiten geschafft; die "langen Chips" aus lettischer Produktion ("longchips", lettisch "plāksnes") sind aber ein Beispiel genau dafür. In der Kolchose "Padomu Latviju" (Sowjet-Lettland) fing es 1986 an. Bis auf eine weitere Fabrik in Weißrussland war der lettische Betrieb damals der einzige seiner Art in der Sowjetunion, der etwas wie die in deutschen Landen allseits präsenten "Chips" produzierte - er hat überlebt, mit einigen Wandlungen zwischendurch.

1990 wurde die Kolchose zunächst in eine Aktiengesellschaft überführt, um dann den Privatisierungprozess zu durchlaufen. Laimonis Radziņš, heute geschäftsführender Vorsitzender, wurde damals von den Arbeitern zum Betriebsleiter auserkoren. "Zunächst wurden wir von billigen Importartikeln überschwemmt," erzählt Laimonis der Zeitschrift "IR" in einem Interview, "alle wollten auch diese bunte Verpackungen haben, unsere Pappkartons beachtete keiner mehr. Um zu überleben, haben wir eine Zeitlang zusätzlich auch Brot gebacken - das brauchte auch damals jeder." So erklärt sich auch der erste Name des 1992 frisch privatisierten Unternehmens: "Beķeris" - der Bäcker. Neben dem Brotbacken behielt man auch die Chips-Herstellung bei. "Wir haben das solange gemacht, bis die Skandinavier auf dem Brotmarkt auftauchten," erzählt Radziņš. "Diese fluffigen, luftigen Brote hatte bis dahin bei uns niemand je gesehen - und unsere Klötze wollte dann niemand mehr haben."

Aus der damaligen Situation entstand ein Tausch mit einem belorussischen Partner: der Brotbackautomat wurde dort dringend gebraucht, und die Letten erhielten dafür eine Anlage mit der es möglich war, quadratische Chips herzustellen. Und siehe da: die Produkte kamen derart gut an, dass die Ausgangsmaterialien knapp wurden. Chips können ja auf unterschiedliche Art und Weise hergestellt werden: aus Kartoffelscheiben, denen die Stärke entzogen wird, und die dann in Öl erhitzt werden, danach kommen Gewürze dazu. Oder aus geriebenen und danach getrockneten Kartoffeln, die mit Wasser zu einer formbaren Masse gebracht werden, die dann wiederum in Öl gebraten und danach gewürzt werden. Die lettischen Hersteller von "Pērnes L", wie die Firma inzwischen heißt, machen es anders. Zwar ist Ausgangsmaterial auch eine Kartoffelmasse, aber die dünnen Plättchen durchlaufen direkt einen Ofen und werden dort in nur 10 Sekunden gebacken und dann mit Gewürzen bestreut. Es bleibt ein intensiver Geschmack - aber keine fettigen Finger nach dem Verzehr.

Ein echtes Ost-Produkt also, könnte man sagen; anfangs "belo-lettisch" erdacht. Für die Verpackung wurde ein Lieferant aus Italien gefunden. Von einigen der Kartoffellieferanten musste man sich trennen, nachdem herauskam, dass diese aus Mangel an genügend Kartoffeln einfach Stärke hinzugefügt hatten - bis die Kunden anriefen und erzählten, die Chipse seien nun hart wie Stein. Diese Waren musste vernichtet werden, inklusive der schönen italienischen Verpackung. "Ein Feuerchen, dass uns 25.000 Dollar gekostet hat", erinnert sich der Firmenchef heute.

Die Firma hat es überlebt, und legte dann mehr den Schwerpunkt auf die Entwicklung eines eigenen Labels, um die Wiedererkennung beim Verbraucher zu stärken. Gleichzeitig wurde begonnen Essig herzustellen, was die Firma auch heute noch macht. Seit dem Eintritt Lettlands in die EU wird auch in die USA, die Niederlande, nach Deutschland und in die Niederlande exportiert - und aus den Niederlanden kommen heute auch die Kartoffelflocken, mit denen produziert wird. Aus patriotisch-lettischer Sicht sicherlich nicht ideal - denn es könnte ja die Annahme bestehen, eine Firma mit Kartoffeln als Produktionsgrundlage müsse ja die lettische landwirtschaftliche Tradition nutzen können. Überlebensgrundlage dagegen war immer größtmögliche Flexibilität; neuestes Produkt ist jetzt auch Majonaise.

2005 kam dann die erste Teilnahme an einer Verbrauchermesse in Köln. Mit überraschendem Resultat: es gab Besucher, die voller Begeisterung erzählten auf der ganzen Messe nichts interessanteres gesehen und probiert zu haben. Voller Hoffnung kehrte man mit einem Stapel Visitenkarten nach Lettland zurück und wartete gespannt auf Bestellungen - doch dergleichen folgte nichts. Aber neben dem eigenen Selbstbewußtsein wuchs auch die Erkenntnis, mit den bisherigen Produktionsanlagen längerfristig auf dem Markt nicht bestehen zu können. 2009 schrieb man die ersten Anträge auf Mittel aus dem EU-Strukturfonds, inzwischen sind es schon sechs ähnliche Projekte. Es gibt neue Produktionsanlagen und eine Lagerhalle von 5000 m2. Die neuen Automaten zur Herstellung der Chips sind speziell auf die Produkte von "Pērnes L" abgestimmt - allerdings können Kunden auch Chipspackungen mit nach eigenen Entwürfen bedruckten Packungen bestellen. "Die längsten Chips der Welt" ist inzwischen der Slogan, oder, offiziell: "PERNES LONG Potato chips". Ein Produkt, in dessen Herstellung inzwischen insgesamt 10 Millionen Euro investiert wurde, mit dem Resultat, dass es inzwischen in 20 verschiedene Länder der Welt exportiert wird, darunter Südkorea, Japan, Hongkong, China, Südafrika, Kuweit und Katar. Der Umsatz liegt gegenwärtig bei 4,5 Millionen Euro (Angaben laut "IR" vom 23.3.2016), 70% davon kommt aus dem Export. Auf die "Longchips" wurde inzwischen Patent angemeldet, und so braucht man sich inzwischen nicht mehr zu verstecken hinter großen internationalen Marken wie "Lay's" oder "Estrella".Auch in den Regalen der Supermarktkette "Tesco" werden sich bald die Longchips finden.

Doch der englischsprachige Markenname scheint auch dazu zu führen, dass nicht jeder Verbraucher auf dem internationalen Markt es als "lettisches Produkt" noch identifiziert. Eine kluge Strategie? "Das hier war in unserem Supermarkt im Angebot," erzählt ein schwedischer Livestile-Blogger per Youtube seinen 'Followern', "etwas später habe ich es auch in Estland gesehen." Er dreht und wendet die Verpackung auf der Suche nach dem Hersteller - ohne Erfolg. "Hier steht eine Internetadresse auf der Verpackung, da müsste man mal nachsehen im Internet," meint er schließlich. "Vielleicht Estland, Lettland - jedenfalls irgendwo da im Osten."  Finnische, auch eine türkische Testesserin gibt es auf Youtube, sogar selbstgemachte Dipps werden dort empfohlen. Ein Mensch namens "Higgins", englischsprachiger Snackliebhaber, testet auf seinem Kanal "Japanisches" - und findet ... Longchips. Logischerweise finden sich auch japanische Fans problemlos im Netz.

Also: in Westeuropa noch verkannt, während der Rest der Welt längst lange dünne Plättchen knabbert? "Wir sind noch nicht am Ende unserer Produktionskapazität angelangt," betont Firmenleiter Radziņš im Interview ("IR"). Sobald es neue Bestellungen gäbe, könne man sofort liefern. "Eines will ja niemand: auf lange Chips lange warten."