26. Mai 2017

Nihil-ismus

Am 3.Juni stehen in Lettland regulär Kommunalwahlen an. Die traditionell kleinteilige lettische Parteienlandschaft nimmt es als Gelegenheit, Profil zu schärfen. In der Hauptstadt Riga bedeutet das vor allem: für Nils, oder gegen Nils?

Am häufigsten kritisiert werden gegenwärtig, neben der großen Verschuldung des Stadtsäckels, verschiedene Aspekte der Verkehrpolitik in Riga. So hieß es bisher immer: einer der Gründe, warum der russischstämmige Bürgermeister Nils Ušakovs sei insbesondere von älteren Leuten wiederholt gewählt worden, weil er diesen kostenlose Tickets in den öffentlichen Verkehrsmitteln verspreche. Erstaunlich auch, dass die Stadt bei schwierigen Winterverhältnissen den Autofahrern kurzerhand mal Freifahrttickets genehmigt.
Nun bekommt Ušakovs in der politischen Landschaft auch auf konservativer Seite Gesinnungsgenossen: Jānis Bordāns, Ex-Justizminister (2012-2014, unter Valdis Dombrovskis, als dieser noch Regierungschef war), nun Gründer der "Neuen Konservativen Partei" (Jaunā konservatīvā partija, JKP), will es Tallinn gleichtun und kostenfreien ÖPNV für alle Einwohner Rigas einführen. Sowieso würden nur 1/3 der Einnahmen der Rigaer Städtischen Betriebe ("Rīgas satiksmes”,RS) aus den Ticketverkäufen erzielt, rechnet er vor. Und die Häfte der Verkaufseinnahmen gehen wieder für Produktion, Administration und Bereithaltung der Tickets drauf. Wer also einen Fahrschein kaufe, der bezahle damit zur Hälfte eigentlich die Herstellung des Tickets, und nichts anderes. Bordāns ist in Riga auch Bürgermeisterkandidat, zusammen mit Juta Strīķe, die durch ihre Arbeit beim lettischen Anti-Korruptionsbüro (Korupcijas novēršanas un apkarošanas biroja, KNAB) bekannt wurde.

Kultur-Ikone Andrejs Žagars: der neue
"Pierre Brice" (Gojko Mitić) der lettischen
Politik?
Aber gibt es ernsthaft einen Kandidaten, der oder die eine Wiederwahl Ušakovs gefährden könnte? 2013 erreichte Ušakovs "Saskaņa", zusammen mit Koalitionspartner "Gods kalpot Rīgai" ("Ehre Riga zu dienen" - GKR) überzeugende 58% der Stimmen und 39 von 60 Ratssitze. Gegner, wie der konservative Journalist Otto Ozols, werfen den in der Hauptstadt Regierenden  vor, die Teilung in russische und lettische Bevölkerung zementieren zu wollen.Jedoch klingen die Parolen der Gegner ganz ähnlich, nur anders herum: bitte überall nur Lettisch reden - vom Kindergarten bis zum Wirtschaftsunternehmen.

Immer schick, immer national:
reicht das für's Bürgermeisteramt?
Auf der Liste der Partei "Latvijas atistibai" (für die Entwicklung Lettlands) kandidieren gleich drei prominente Namen: Ex-Basketball-Nationalspielerin Anete Jēkabsone-Žogota, Regisseur und Opernchef Andrejs Žagars, und Mode-Designerin Indra Salceviča. Dass auch Ex-Premier Einārs Repše sich dieser Neugründung angeschlossen hat, stellt die Partei selbst inzwischen lieber in den Hintergrund. Das Parteiprogramm buchstäblich genommen, könnte es sich hier um eine wirtschaftsliberale Partei handeln - aber wer in Lettland glaubt schon an Parteigrogramme? Als Spitzenkandidat seiner Partei für die Europawahlen 2014 bekam Žagars gerade mal 2% der Stimmen.

Wie so oft besteht in der Öffentlichkeit eine goße Kluft zwischen dem sehr schlechten Ansehen fast aller Politiker/innen, und dem Versuch der Parteien, dieses schlechte Image durch populäre Personen "aufzuhübschen". 
Baiba Broka war bereits 2013 Bürgermeisterkandidatin der "Nationalen Vereinigung" ("Nacionālā apvienība, NA), 2014 einige Wochen Justizministerin. "Riga darf nicht wie ein Staat im Staate sein!" Broka wirft Ušakovs vor, seine eigene "Außenpolitik" - vor allem gegenüber Russland - zu machen.

Bliebe noch Vilnis Ķirsis - zwar Kandidat einer bekannten Partei (Vienotība), die allerdings seit dem - auch durch eigene Parteimitglieder mitverursachten Rücktritt der Regierungschefin Straujuma - bei den einen als vergessen, bei anderen verhasst gilt. Mit Wirtschaft, Statistik und Steuerpolitik trifft der erst 36-jährige Ķirsis zudem nicht gerade Lieblingsthemen seiner Wähler - die Partei versucht sich zu helfen, indem sie nicht den Kandidaten, sondern schöne Fotos von Riga in den Vordergrund stellt. Wohlklingende Versprechen wie "10.000 Bäume pflanzen, um die Luftqualität in der Stadt zu verbessern" wird ihm keine Stimmen unter Naturliebhabern bringen, und die überall hervorgehobene Funktion des Spitzenkandidaten als "Granatwerfer" im Studetenbatallion der "Zemessardes" vermutlich auch keine Stimmen unter den Vaterlandsliebhabern.

Dass auch die "Grüne Bauernpartei" (Zaļo un Zemnieku savienība) Probleme mit dem Bekanntheitsgrad ihres Spitzenkandidaten, dem Bienenzüchter Armands Krauze hat, zeigt schon der energische Einwand von Präsident Raimonds Vejonis, doch bitte keine Parteiwerbung unter Verwendung des Präsidenten-Namens zu machen. Man einigte sich darauf, der ZZS zu erlauben sich "Präsidentenpartei" nennen zu dürfen - aber bis zur "Bürgermeisterpartei" wird es zumindest in Riga noch ein weiter Weg sein.

Insgesamt werden sich in Riga zur Kommunalwahl 11 Parteien zur Wahl stellen (siehe: Information des lettischen Wahlamts). Zuletzt wurde mehr über Bürgermeisters Katze berichtet, als über seine Politik. (MDR, Washington Post) Und lang scheint die Liste dessen, was Gegenkandidaten von Ušakovs möglichst im voraus zuverlässig versprechen müssen, um wirklich größeren Wähler/innen-Zuspruch zu bekommen: natürlich keine Flüchtlinge in Lettland reinlassen, keine gleichgeschlechtlichen Ehen zulassen, nur noch Lettisch sprechen, den Einfluß ausländischen Kapitals beim Kauf von Land und Immobilien beschränken, Straßen reparieren und Staus zum Verschwinden bringen, Arzneien und Krankenhäuser bezahlbar machen, ... - die Liste ist lang (hoffentlich habe ich nichts vergessen). Wer könnte das alles erfüllen?

24. Mai 2017

Spielfrei in Riga

Entwicklung weiterhin widersprüchlich:
Rigas Altstadtbereich
In den wilden 1990igern war es ein einträgliches Geschäft: die vielen Spielsalons und Klein-Casinos, die in den Altstadtgassen von Riga eröffneten - ein Trend der einher ging mit immer mehr Nachtlokalen und Erotik-Bars. Es war wahrscheinlich nicht ein zu erwartender Gewinn aus dem Automatengeschäft, sondern neben dem Reiz des Neues wohl die Möglichkeit, in unter teilweise abenteuerlichen, teilweise nebulösen Bedingungen erworbenen Altstadt-Domicilen Geschäftstätigkeit vorzugeben - denn jede Art von "Business" galt den Gesetzgebern und Stadtregenten damals als vorrangig.

Nun wurde eine Kehrtwende vollzogen: am 22.Mai untersagte der zuständige Ausschuss des Rigaer Stadtrats jegliche Art von Spielhallenbetrieb im Bereich der Rigaer Altstadt, mit Ausnahme nur der Spielsäle in einigen Hotels der Oberklasse. (LETA, Financenet, riga.lv) Allerdings verlangt das Gesetz, dass über jeden der momentan 41 (andere Quellen erwähnen 30) Spielhallen in jedem Einzelfall entschieden werden muss. Es könnte also auch noch den einen oder anderen Gerichtsprozess dazu geben - falls es durch alle Instanzen geht, könnte es auch noch länger als die jetzt beabsichtigten fünf Jahre dauern, bis wirklich alle Spielhallen und -höllen geschlossen sind.
aus der Werbung eines der Anbieter ("Joker")
Die Vereinigung der Lettischen Spielgeschäftsbetreiber („Latvijas Spēļu biznesa asociācija”), deren Angaben zufolge in ganz Riga 155 Spielstätten mit insgesamt 4511 Automaten betrieben werden, sieht den Beschluss als Behinderung unternehmerischer Tätigkeit an (LSBA). Einer Untersuchung derselben Organisation aus dem Jahre 2007 zufolge (also noch vor der Wirtschaftskrise), gaben 20% aller Lettinnen und Letten an, schon mal für Geld in einem Spielsaal gespielt zu haben - allerdings verweigerte die Mehrzahl die Antwort auf diese Frage. Interessant dabei, dass 15% derjenigen, die sich trauten eine Antwort zu geben, als Grund "Langeweile und Probleme die Freizeit zu verbringen" angaben, nachdem sie arbeitslos geworden seien. 


Altstadt Rigas (gemäß Stadtentwicklungsplanung)
Nicht nur mit zunehmenden Beschrän-kungen und Steuer-erhöhungen hätte das Spiele-Business zu kämpfen, so LSBA-Chef Ģirts Ludeks in seinem diesjährigen Jahresbericht. Natürlich sei auch die Entwicklung hin zu interaktiven, digitalen Spielen rasant. Bis zum 1.Januar 2019 soll zudem in allen Spielbetrieben in ganz Lettland ein geschlossenes digitales System eingeführt werden, das auch die Überwachung durch die Aufsichtsbehörden gewährleistet. Um einer zunehmend dem Glückspiel kritisch eingestellten lettischen Öffentlichkeit zu begegnen, setzt der Betreiberverband auf verbesserte Öffentlichkeitsarbeit und Weiterbildungsseminare - man versteht sich als "Teil der Freitzeitindustrie, die interessiert ist in die Zukunft nachhaltig zu investieren." Bei einem Gesamtumsatz von 249,2 Millionen Euro beschäftigt die Branche gegenwärtig (2016) 3748 Personen - 29,1 Millionen Euro im Staatshaushalt und 7,9 Millionen Euro im Haushalt der Gemeinden sind Steuereinnahmen in diesem Bereich.

20. Mai 2017

Mit Steuern steuern

Viele Diskussionen löste in den vergangenen Wochen die von Regierungschef Māris Kučinskis beabsichtigte Änderungen einiger Steuergesetze aus. Aber sind es wirklich entscheidende Richtungsänderungen - oder vielleicht nicht mehr als aufsehenerregende Werbeballons für die im kommenden Monat anstehenden Kommunalwahlen?

Modellrechnung des lettischen
Finanzministeriums
Den neuen Regelungen zufolge soll es ab 2018 mehr Geld für das Gesundheitswesen geben: 4% des erzielten Bruttosozialprodukts soll dann dafür ausgegeben werden, ein Finanzierungsziel, was die Regierung selbst sich in Form von Richtlinien zur Stabilität (Latvijas Stabilitātes programms 2017. – 2020) gesetzt hatte. Unter anderem soll die Einkommenssteuer von jetzt 23% auf 20% gesenkt werden - für Einkommen bis 45.000 Euro jährlich. Der gesetzliche Mindestlohn soll auf 430 Euro erhöht werden, dazu soll bei Geringverdienern und Rentnern 250 Euro steuerfrei bleiben.

Heiß diskutiert werden auch Regelungen für im Ausland lebende Lettinnen und Letten. Einerseits bemüht der lettische Staat sich sehr um diese sogenannte "Diaspora", warunter besonders viele junge Menschen im Alter zwischen 20 und 35 Jahren sind. Andererseits wird überlegt, ob das Geld, was im Ausland Lebende "nach Hause", zur Unterstützung von Familie und Verwandten schicken, besteuert werden soll. Vorerst bleiben diese Ideen aber im Planungsstadium.

Kritik an der lettischen Steuerreform äußerten außerdem Vertreter einiger Regionalparteien, die bemängelten, regionale Unterschiede in Lettland würden hier nicht ausreichend berücksichtigt. Auch wird befürchtet, die Steuereinnahmen einiger Landgemeinden könnten sich wesentlich verringern.

17. Mai 2017

Krankes System

Allein der Stradiņa-Universitätsklinik in Riga fehlen 100 Krankenschwestern - auf mehreren Stockwerken mussten schon Schichten ausfallen. Das lettische Gesundheitsministerium hat ausgerechnet, dass 220 Millionen Euro nötig sein werden, um diese Lücken zu stopfen. Und in der Rigaer Ostklinik („Rīgas Austrumu klīniskā universitātes slimnīca”) fehlen sogar über 200 Fachkräfte,so eine Pressemitteilung (Leta), dort fehlen 77 Ärzte, 105 Krankenschwestern und 21 Hilfskräfte. Noch könne man die Betreuung der Patienten gewährleisten, so Aija Lietiņa, Pressesprecherin des Hauses. Ein Teil der geplanten Operationstermine habe man aber bereits verschieben müssen.

Die meisten ausgebildeten lettischen Krankenschwestern oder Krankenpfleger arbeiten inzwischen im Ausland - von insgesamt 18700 ausgebildeten und registrierten Fachkräften stehen dem lettischen Arbeitsmarkt nur noch 8750 zur Verfügung; diese Zahlen gab Dita Raiska, Präsidentin des lettischen Verbandes der Krankenschwestern (Latvijas Māsu asociācija / LMA), in einer Sendung des lettischen Fernsehens bekannt. Viele Krankenschwestern hätten auch längst auf Jobs in der Kosmetikindustrie oder im Wellness-Bereich umgesattelt, da diese einfach besser bezahlt würden. Raiska schätzt, im Falle entsprechender Lohnerhöhungen könnten 10.000 Krankenschwestern bereit sein in die Krankenhäuser zurückzukehren. Gegenwärtig liegt der Einstiegslohn bei nur 418 Euro monatlich, für erfahrene Kräfte durchschnittlich bei 760 Euro. Der LWA schlägt eine Erhöhung bis auf 1000 Euro bis zum Jahr 2020 vor - ein Lohnniveau, dass in Estland schon heute gezahlt wird.

Es werden gegenwärtig verschiedene Vorschläge diskutiert um diese Situation zu verbessern: zum Beispiel die Idee, 1% des Steueraufkommens für das Gesundheitswesen zu reservieren. Bisher konnten sich die Parteien der Regierungskoalition auf keinen der vorliegenden Vorschläge einigen.Vor einiger Zeit hatte das lettische Gesundheitsministerium vorgeschlagen, wegen des Fachkräftemangels bereits Studierende mehr in die praktische Arbeit einzubeziehen (LA).

4. Mai 2017

Lettischer Mai

4.Mai 1990: die lettischen Volksfront-Vertreter jubeln:
obwohl noch Teil des alten Systems, sprach
sich damals eine Mehrheit des "Obersten Rates"
für die lettische Unabhängigkeit aus.
Vielleicht ist nicht jedem klar, welche Bedeutung der 4.Mai 1990 für Lettland hatte - ein richtiger Nationalfeiertag ist es nicht, der Tag konkurriert mit der erneuten Unabhängigkeitserklärung Lettlands nach Scheitern des Putsches gegen Gorbatschow im August 1991, der dann bald auch die internationale Anerkennung folgte. Aber ohne den 4.Mai 1990 hätte sich vielleicht weder die sogenannte "singende Revolution" durchsetzen können, noch die politische Erneuerungsbewegung, die schließlich die Unabhängigkeit des Landes und ein demokratisches System wiederherstellen konnte. Am 4.Mai 1990 stimmten die Abgeordneten des damals noch existierenden "Obersten Sowjet Lettlands" mehrheitlich für die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Lettlands - die lettische Verfassung wurde wieder in Kraft gesetzt (siehe Wortlaut der Erklärung).138 Abgeordnete waren das damals, die sich - obwohl noch nicht demokratisch gewählt - der 1988 gebründeten Lettischen Volksfront (Latvijas Tautas fronte LTF) und deren Zielen nahe fühlten (siehe Namensliste). Einer enthielt sich, 57 Abgeordnete, politisch der Vereinigung "Līdztiesība" (Gleichheit) nahestehend, stimmten damals dagegen. Viesturs Sprūde, Journalist der lettischen Zeitung "Latvijas Avize", hat jetzt mal nachgeforscht, was diese 57 eigentlich heute machen.

Bekannt war damals die "Interfront" - nicht nur Gegner der lettischen Unabhängigkeit, auch Befürworter des Sowjetsystems, im August 1991 dann auch Unterstützer des Putsches gegen Gorbatschow (Internationale Front der Arbeiter Lettlands - Latvijas PSR Internacionālā Darbaļaužu fronte, abgekürzt "Interfront").
Bekannteste Figur - damals wie heute - Tatjana Ždanoka. Damals "Interfront", heute Europaparlament - als vermeintliche Repräsentantin "der Russen in Lettland", so sieht sie sich selbst. Ein ähnlicher Fall ist Alfrēds Rubiks - Ex-Bürgermeister von Riga. Er stand als aktiver Unterstützer des Putsches gegen Gorbatschow schon mal vor Gericht, und ist, wie Ždanoka, als nachgewiesene Gegner der lettischen Verfassung, Unabhängigkeit und demokratischer Ordnung vom passiven Wahlrecht ausgeschlossen. Das gilt allerdings nicht für das Europaparlament - und so wurde ein Sitz dort für beide zum Kuschelparadies für Träume von der sowjetischen Vergangenheit, nach außen, für gutgläubige Medien verkauft als Kampfzentrale für Menschenrechte. Und das, obwohl Rubiks den EU-Beitritt Lettlands als "politischen Selbstmord" bezeichnete. - Ždanoka reist da schon mal zur Unterstützung Russlands auf die Krim, Rubiks fühlte sich lange als Vorsitzender der Sozialistischen Partei Lettlands am wohlsten (trat 2015 zurück, als er 80 Jahre alt wurde) und schickt seine beiden Söhne Artūrs und Raimonds in die politische Arena, die beide zu jung sind um ähnlich vorbelastet sein zu können.

In Siegerpose verlassen die Volksfront-Delegierten
am 4.Mai 1990 nach der entscheidenden Abstimmung
des Parlament - davor hatten sich Tausende
Menschen in erwartungsfroher Stimmung versammelt
13 der "Interfrontisten" vom 4.5.1990 stimmten auch im August 1991, nach Scheitern des Putsches in Moskau, noch gegen die lettische Unabhängigkeit - auch hier war Ždanoka wieder unter ihnen. Tālavs Jundzis, Politologe mit einem Schwerpunkt bei der lettischen Unabhängigkeits-bewegung, sieht Forschungsbedarf auch zu den damaligen Gegnern der lettischen Unabhängigkeit. Militärangehörige kehrten nach Russland zurück, manche wurden zu Geschäftsleuten ("Biznesmeņi"), der ein oder andere ist auch inzwischen bereits verstorben. "Aber treffen sich die ehemaligen Genossen heute noch? Was denken sie heute über ihre Entscheidungen damals? Das bleibt vorerst weitgehend unbekannt," sagt Jundzis der "Latvijas Avize" im Interview. Vielleicht wollten sie ja damals einen eher stufenweisen, sanfteren Übergang, oder zwar ein freies Lettland, aber nicht dieses? Vorerst sind Antworten darauf nur bei denen, die wie Mihails Gavrilovs noch heute politisch aktiv sind,
bekannt. "Wir hätten vielleicht dafür gestimmt damals, wenn damit auch eine klare Antwort in der Staatsbürgerschaftsfrage gegeben worden wäre," sagt er. Gavrilovs hat selbst inzwischen den Einbürgerungsprozess überstanden, ist lettischer Staatsbürger und bei der Partei "Gods kalpot Latvijai" ("Ehre, Lettland zu dienen") aktiv, die in Riga im Stadtrat zusammen mit der "Saskaņa" (Harmonie) Bürgermeister Nils Ušakovs unterstützt.

Einige Ex-Interfront-Unterstützer hat Journalist Viesturs Sprūde in der Unternehmerwelt ausmachen können: darunter Boulingbahn-Betreiber, Tankstellenchefs oder Bankenvertreter. Aber wer träumt heute noch wirklich von einer Rückkehr zum Sowjetsystem? Die Probleme des heutigen Lettland wie Arbeitslosigkeit, Landflucht, Niedriglöhne und Massenauswanderung könnten zu einer "früher-war-alles-besser"-Haltung verleiten. Wie auch immer die Gegenwart heute gesehen wird - der 4.Mai 1990 wird wohl auf absehbare Zeit im Geschichtsbewußtsein von Lettinnen und Letten, wie auch in der persönlichen Erinnerung vieler Menschen, einen sehr wichtigen Platz einnehmen.

24. April 2017

Nicht nur die Oma vom Lande

Lettische Frauen, die Aufmerksamkeit der internationalen Presse erregen? Nein, diesmal weder Politikerin, Model, Sportlerin noch Sängerin.
Die junge Zelma Brezinska fotografiert Hochzeiten in Latgale, dem Osten Lettlands. “Schon seit meine Kindheit habe ich verschiedene Formen, mich kreativ ausdrücken zu können, gesucht. Musik, Tanz Theater," erzählt Zelma dem Portal "KasJauns". "Dann kam ich zur Fotografie, und seitdem diskutieren wir über schönes oder nicht schönes, über den Alltag und über Feiertage, über Ereignisse, Menschen, und das Leben insgesamt." Nun erregte eines ihrer Fotos Aufsehen. Das Motiv war nicht schwer zu finden: ihre eigene Mutter.

Die "Deutsche Welle" hatte zusammen mit dem Fotoblog "eyeem.com" zu einem Fotowettwerb untter dem Motto aufgerufen: Frauen in der ganzen Welt. 25.000 Fotos wurden eingereicht, 10 Siegerfotos ausgewählt. Zelma fotografierte ihre Mutter in dem Haus, dass sie zusammen mit ihrem Ehemann vor 60 Jahren selbst aufgebaut hat. "Lettland war für viele Jahre Teil der Sowjetunion, und damals mussten Frauen viel physisch leisten um für ihre Familien zu sorgen," erzählt Zelma. "Frauen haben sich in dieser Gesellschaft bewähren müssen, Arbeit wie die Männer leisten, so wie Gräben ausheben oder Traktor fahren."
"Eines jedoch hatten sie nicht - gleiche Bildungschancen, so wie wir sie heute haben", meint Zelma. "Die harte Arbeit ruinierte ihre Gesundheit, und als Lettland die Unabhängigkeit wiedererlangte verloren viele Frauen ihr Erspartes; heute bekommen sie eine Rente, die nicht mal zum Bezahlen der notwendigen Medikamente reicht."

Aber von Latgale, ihre Heimatregion, schwärmt Zelma: "Latgale mit der außerordentlich schönen Natur und die Menschen dort haben schon viele Fotografen inspiriert, darunter auch mich. Das ist die Traum-Landschaft meiner Kindheit, wohin ich immer wieder zurückkehre."

20. April 2017

Der Liederhauer

Skulpturen des "Dainu kalns" (Liederbergs) auf
dem Gelände der Burg Turaida nahe Sigulda
Dieses Highlight eines Lettland-Besuchs möchte kaum ein Tourist verpassen mögen:spätestens wenn der Jugendstil in Riga besichtigt, der Stop in Rundale absolviert, und der Strand von Jūrmala erkundet ist, wenden sich die Wege nach Sigulda, zur Gutmanis-Höhle und zum Nationalpark im Gauja-Tal. Dort, einen kurzen Spaziergang nur von der Burg Turaida entfernt, stehen die bekanntesten Werke des lettischen Bildhauers Indulis Ranka: 26 Skulpturen mit Themen der lettischen Liedersammlungen, der "Dainas". Kein in staatlichem Auftrag erstelltes Pathos ist hier zu besichtigen - obwohl bereits 1985 eröffnet.
Indulis Ranka, vor seiner
Werkstatt in der Amulas iela
Die Idee entstand aus dem Briefwechsel des Bildhauers mit der damaligen Direktorin des Heimatmuseums in Sigulda, Anna Jurkāne. Fünf Jahre lang wurde überlegt, welche Themen, welche Aufstellungsorte, welche Szenen am besten im Einklang mit der umgebenden Natur stehen würden. Dann allerdings wurde dieser symbolische Ort lettischen Kulturguts auch zum Treffpunkt derer, die Freiheit und Unabhängigkeit im Sinn hatten. Die Eröffnung fand am 7. Juli 1985 statt, zum 150. Geburtstag von Krišjānis Barons, dem Liedersammler, der den Dainas einen eigenen Schrank baute. 1988 fand das erste Folklorefestival "Baltica" hier statt, und erstmals nach langer Zeit war auch wieder die lettische Fahne gezeigt. 

Indulis Ranka beschäftigte sich, nachdem er in den 1950iger Jahren die Kunsthochschule abgeschlossen hatte, zunächst mit Malerei und Grafik. Aus dem Jahr 1966 sind seine ersten Skulpturen aus Granit bekannt. "Wenn unwiderstehliche Kraft auf unbewegliche Objekte trifft" - dieses Motto hat eine Webseite gewählt, die sein Andenken ehren will. Und tatsächlich: manche seiner Werke sehen so aus, als hätten riesige Finger einfach mal ein wenig im weichen Ton gespielt und so Figuren geformt. Können Steine schmelzen? Wenn, dann unter den kräftigen Händen von Indulis Ranka, möchte man meinen - wer jemals gesehen hat, mit welch riesigen Baggern und Baufahrzeugen die Steine bewegt und herbeigeschafft werden müssen, aus denen Ranka dann Kunstwerke schuf, wird verstehen was künstlerische Ideen zu bewegen vermögen. Er schuf aber tatsächlich von vielen seiner Skulpturen vorher kleine Plastilinmodelle, um die künstlerischen Ideen möglichst bis zur Fertigstellung optimieren zu können.

Indulis Ojārs Ranka, geboren 1934 in Jaungulbene in Vidzeme, beteiligte sich auch an vielen internationalen Symposien vor allem nach Norwegen, Moldawien, auch in Japan. Kennzeichnend für ihn sind die Betrebungen, Freiluft-Skulpturengärten zu errichten - so auch nahe seiner Werkstatt in der Amulas iela im Rigaer Süden, nahe dem Fluß Mārupīte ("Akmeņdārzs"). Dort, öffentlich ausgestellt und frei zugänglich, geschah es nicht selten, dass Kinder seine Skulpturen erklimmen oder auf andere spielerische Art und Weise "gebrauchten". Da konnte es leicht passieren, dass der Künstler selbst, leise den nur mit einem losen Lattenzaun verschlossenen Zugang zu seinem Atelier öffnend, plötzlich schmunzelnd daneben stand. Zweckentfremdung, Entehrung der Kunst? Nein, so etwas wäre Ranka nie in den Sinn gekommen - sein geistiges Gut und Inspiration war des Volkes, und seine Kunst sollte es wohl auch sein. 
Indulis Ranka starb am 13. April 2017 in Riga, zwei Tage vor seinem 83. Geburtstag.

7. April 2017

Durchgeboxt

Foto: Sportacentrs
Ein weiterer lettischer Sportler hat es geschafft sich internationale Aufmerksamkeit zu sichern: der Boxer Mairis Briedis besiegte am 1. April 2017 in seinem Kampf nach Regeln der WBC Marco Huck nach Punkten und wurde damit neuer Weltmeister im sogenannten "Cruisergewicht" (bis 90,72 kg). Damit ist er der erste Profiboxweltmeister aus Lettland überhaupt.

Der 1985 in Riga geborene Linkshändler arbeitete zunächst bei der lettischen Polizei, bis er sich 2009 ins Profigeschäft wagte. Seitdem gewann er alle seine 22 Kämpfe, 18 davon durch Ko.
Auch Zukunftspläne hat Briedis bereits: seinen Äußerungen zufolge plant er in Riga eine Boxschule zu eröffnen, und denkt dabei auch über eine Zusammenarbeit mit Kristaps Porziņģis nach, Lettlands zur Zeit erfolgreichstem Basketball-Spieler (derzeit New York Knicks). Briedis, der auch schon mal mit Sprüchen wie "mein Doping ist mein Volk" auffiel (lsm), winkt jetzt eine "Belohnung" von 28.458 Euro aus dem lettischen Staatshaushalt, so soll es angeblich ein Vorschlag des Ministerkabinetts vorsehen. "Ich mag es nicht, wenn andere unsauber boxen", sagte er dem Newsportal "Kas Jauns" im Interview. "Andere schlagen unter der Gürtellinie oder beißen dem anderen ein Ohr ab, von mir wird es das nicht geben." 
Mit den beiden Klitschko-Brüdern pflegt Briedis gelegentlich Kontakt. Aber die größte Stütze im Leben seien ihm seine Frau und die Kinder, meint Briedis. Auch, wenn das manchmal zur Folge habe, dass er nur nach speziellem Essensplan leben kann, also ihm muss etwas anderes zubereitet werden als dem Rest der Familie. Briedis hat bereits vier Kinder - die Zwillinge Ričards un Daniels leben mit seiner ersten Frau in England. Dazu kommen dann die Tochter Brendana und der Sohn Rafaels mit seiner zweiten Frau Jūlija, die er 2013 heiratete. Auf die Frage, wie er die vielen Schläge während eines Boxkampfs aushalten könne, antwortete Briedis einmal: "Das ist doch gar nichts dagegen, was eine Frau bei der Geburt eines Kindes aushalten muss!"

Briedis, der ohne Schulabschluß ist, arbeitete zu Anfang seiner Karriere auch als Fahrer und Leibwächter, sogar als Hausmeister. Der Vater stammte aus Valmiera, die Mutter aus Latgale. Angesprochen darauf, dass manche den Latgalern nachsagen, sie würden sich mit jedem schlagen, antwortet Briedis: "Dort, wo ich als Kind vor meiner Schulzeit war, hätte ich mich nur mit den Kühen schlagen können, etwas anderes gab es dort nicht." Und dazu, dass er von vielen als "sturer Charakter" bezeichnet wird, sagt er: "Wenn jemand meint, ich müsse das und das tun, dann kann es sein, das ich antworte - nein, das überzeugt mich nicht," gibt er zu. "Wirklich mich überzeugen, das kann nur meine Frau!"

Ob Lettlands neuer Weltmeister nun wirklich zusätzlich mit einer staatlichen Prämie rechnen kann, wird das Ministerkabinett in einigen Tagen entscheiden. Da ja gerade Profiboxer bei erfolgreichen Kämpfen gerne ein sattes Preisgeld aushandeln, haben einige Journalisten auch schon mal vorsorglich nachgesehen, was Boxer Briedis zuletzt so versteuert hat - in Lettland ist das "Steuergeheimnis" weit leichter zu lüften als etwa in Deutschland. 52.211 Euro habe Briedis im vergangenen Jahr versteuert, berichtet die "Latvijas Avize", davon 12.008 Euro als Inspektor der Staatspolizei. Allerdings habe Lettlands bester Boxer auch 15.100 Euro an Belastungen angegeben, das bezieht sich auf sein Eigentum an Grundstück und Haus.

7. März 2017

Kirche sucht neues Zuhause

Kirche mit Migrationshintergrund? Gibt es sowas? Bei der lettischen evangelischen Kirche könnte man es annehmen. Nein, genauer gesagt: von der "Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands im Ausland" (Latvijas Evanģēliski Luteriskā Baznīca Ārpus Latvijas - LELBĀL). Diese wurde nach dem 2. Weltkrieg gegründet, als Lettland von der Sowjetunion okkupiert wurde, und viele Lettinnen und Letten zunächst nach Westeuropa, dann weiter in andere Länder der Welt flohen.

Etwa die Häfte der evangelisch-lutherischen Priester ging damals weg, die andere Hälfte versuchte daheim, unter strenger Beobachtung des KGB und Gängelung durch die Sowjetbehörden, zu überleben. Beide Teile hatten jeweils ihre Erzbischöfe, und beide sahen sich als Nachfolger der Kirche an, die bis 1940 bestanden hatte.Diese Teilung zwischen LELB (in Lettland) und LELBĀL (außerhalb Lettlands) besteht bis heute.

Gruppenbild mit Frauen: LEBāL und LELB bei einem
der seltenen Gesprächstreffen in Riga
Das scheint wie ein Treppenwitz zum Reformationsjubiläum: der doppelte Luther für Lettland? Seit Wiedererlangung der Unabhängigkeit gab es einige Versuche sich zu einigen - 1998 wurden mal "gemeinsame Regeln" festgelegt, aber vor allem seit dem Mehrheitsbeschluß der lettischen Ev. Kirche unter Bischof Janis Vanags, Ordination von Frauen weiter nicht zuzulassen, sind die Treffen seltener geworden. Das geschah im Frühjahr 2016. In den 50 Jahren getrennter Entwicklung scheinen sich die zwei lutherischen Kirchen Lettlands nun vor allem in einem einig zu sein: man ist sich uneinig.

Lauma Zušēvica ist Erzbischöfin der LELBĀL. Ihre Gemeinden liegen verstreut in Nord- und Südamerika, Neuseeland, Australien und Europa. Aber bereits am 31. Mai 2016 gründete die Auslandskirche eine erste, eigene Propstei im Heimatland: in Räumen der Universität Lettlands in Riga. Priester ist dort nun Kārlis Žols, geboren 1971 in Riga und dort als Priester ordiniert 1996; Žols lebte von 2000 bis 2015 in den USA.
Frauen als Bischöfinnnen,
Priesterinnen und Diakone:
in der Auslandskirche Lettlands
kein ungewohntes Bild mehr
Auch die Mitglieder der Kreuzkirchen-Gemeinde im Küstenort Liepāja hatten sich dafür entschieden, die LELB zu verlassen und hat einen Antrag auf Aufnahme in die LELBĀL gestellt. Der Pastor der Kreuzkirchen-Gemeinde, Martiņš Urdze, selbst in Deutschland aufgewachsen, hatte der Synode bereits vorher angekündigt dass er die LELB verlassen wolle, wenn die Frauenordination unmöglich werde. Aber die Auslandsabteilung der lettischen Lutheraner muss um ihren rechtlichen Status in Lettland noch kämpfen: um die kleine, 1792 erbaute Kirche von Valtaiķu in Kurland (früherer deutscher Name: "Neuhausen"), gab es bereits eine Auseinandersetzung vor Lettlands höchstem Gericht.
Valtaiķu hatte sich, neben einer Kirchengemeinde in Aizpute, der Kreuzkirche Liepāja und Rigas Evangelischer Gemeinde (Rīgas Evaņģēliskā draudze), sich der LELBĀL angeschlossen.

Die Auslandskirche LELBāL kündigte inzwischen an, in Lettland auch Möglichkeiten zum Bau eigener Gotteshäuser in Riga zu erkunden (KasJauns); bisher fanden die Gottesdienste in Kirchen der Methodisten und der Anglikaner statt.

Am 18. März 2017 wird auf dem Domplatz in Riga die Wanderausstellung "500 Jahre Reformation" zu sehen sein (siehe: Europäischer Stationenweg). Vielleicht sollte auch mal jemand nachsehen, ob an einer Kirche zu Wittenberge irgendwelche neue Thesen angeschlagen stehen? 

28. Februar 2017

Wer möchte Durchschnitt sein?

Ob wohl alle diejenigen Lettinnen und Letten, die in anderen EU-Ländern Arbeit gefunden haben, die Statistiken der Heimat lesen? Gerade veröffentlichte das lettische Statistikamt (Centrālās statistikas pārvaldes - CSP) wieder Daten zur Wirtschaftslage. Demnach wuchs das lettische Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 2,0%.
Der statistische mittlere Nettolohn bewegt sich diesen Zahlen zufolge bei 631 Euro, was 73,5% des Brottodurchschnittslohn bedeutet.
Der gesetzlich festgelegte Mindestlohn wurde 2016 von 360 auf 370 Euro erhöht.

Doch die Verhältnisse unterscheiden sich sehr stark, von Berufssparte zu Berufssparte. Im nichtstaatlichen, privaten Sektor stiegen die Löhne durchschnittlich schneller als im staatlichen Sektor (+5,8% gegenüber +2,7%). Glücklicher sicherlich, wer im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien arbeiten: hier liegt der Lohn durchschnittlich bei 1364 Euro. Auch im Bereich Elektro-, Gas- und Wärmeversorgung sind die gezahlten Löhne mit 1163 Euro noch vierstellig. In der Verwaltung und im Bereich der Verteidigung wird durchschnittlich 1071 Euro gezahlt, in der Rohstoffgewinnung und im Tagebau sind es noch 971 Euro. Wissenschaftliche und technische Dienstleistungen können noch mit 937 Euro Brutto lohn rechnen, im Transportwesen sind es noch 870 Euro, bei Müllabfurh Sanitär und Wasser lediglich 842 Euro. Arbeiter im Bauwesen bekommen nur durchschnittlich 828 Euro monatlich, in der Wald-, Fisch- und Landwirtschaft sind es nur noch 820 Euro, in der Verarbeitungsindustrie gerade mal 811 Euro brutto.
Noch niedriger liegt sogar das Gesundheitswesen mit 799 Euro, die administrativen Dienstleistungen mit 780 Euro, Dienstleis-tungen rund um Immobilien mit 770 Euro und der Kleinhandel mit 769 Euro. Ganz am unteren Ende liegt der Bereich Kunst, Freizeit und Erholung mit 734 Euro monatlich im Durchschnitt und - das Bildungswesen, wo durchschnittlich sogar nur 703 Euro brutto gezahlt wird. Kann es noch tiefer gehen? Es kann! Im Hotel- und Restaurantwesen in Lettland wird brutto durschnittlich nur 703 Euro gezahlt. Ach ja, im Finanz- und Versicherungswesen sind es dann doch durchschnittlich 1819 Euro monatlich. (Zahlen: Dienas Bizness)

Das bedeutet insgesamt in Lettland einen Brutto-Durchschnittslohn von 853 Euro - rein statistisch gesehen, natürlich. Träumen also alle Krankenschwestern und Lehrerinnen von einer Karriere im Finanzwesen?
Heftig diskutiert wird zur Zeit eine Steuerreform. Vorschlägen des Finanzministeriums zufolge sollen Einkommenssteuern (ienākuma nodokļi UIN) gesenkt und damit vor allem kleinere Firmen gefördert werden, gleichzeitig soll die sogenannte "Solidaritätssteuer" (solidaritātes nodokli) angehoben werden (lsm, Financenet). Diese war 2016 eingeführt worden, und damit erstmals eine etwas höhere Steuerlast für Besserverdienende festgelegt (alle die mehr als 48.600 Euro pro Jahr verdienen).
Auch ein Vorschlag zur Anhebung des Mindestlohns auf 430 Euro steht gegenwärtig zur Diskussion. Aber inzwischen dauern die Diskussionen um eine Steuerreform in Lettland auch bereits Monate an.

9. Februar 2017

Zirkusdirektor/in gesucht!

Eine vom lettischen Kulturministerium speziell eingesetzte Kommission soll über eine neue Direktorin oder einen Direktor des traditionsreichen "Rigas Cirks" entscheiden. Sollte eine Lösung gefunden werden, wird der Stadtzirkus dann jedoch wesentlich anders aussehen als bisher. Seit 1888 gibt es in Riga einen Stadtzirkus in der Merķeļa ielā 4, der einzige in den baltischen Staaten. Zuletzt aber hatte es auch Protestdemonstrationen gegeben: vor allem wegen der Tierdressuren.

Die langjährige Zirkuschefin Lolita Lipinska hatte ihr Amt Ende vergangenen Jahres zur Verfügung gestellt, indem sie sich geweigert hatte, an einer Neuausschreibung der Stelle teilzunehmen. Lipinska hatte sich auch unzufrieden damit gezeigt, dass nach langjährigem Streit nun sowohl Gebäude wie auch Grundstück, auf dem das Zirkusgebäude steht, in Staatseigentum übergegangen war. Auch hatte die bisherige Direktorin Tierdressuren verteidigt: "In unserem Zirkus ist niemals je ein Tier, sei es Katzen, Hunde, Löwe, Tiger, Bär, Krokodil oder Elefant verletzt worden!" (delfi, cirks.lv)
Das lettische Kulturministerium dagegen äußerte sich unzufrieden mit den Zukunftsstrategien, so wie sie Lipinska vorgelegt hatte. "Frau Lipinska vertrat nur den traditionellen Zirkus," lässt sich Sandis Voldiņš als Vertreter des Kulturministeriums in der lettischen Presse zitieren, "wir aber wollen einen Multifunktionsbetrieb, wir wollen, ähnlich wie im Theater, neue Publikumsschichten ansprechen."

Die haben nur Angst vor weiteren Protestdemonstrationen - sagen einige. Andere zeigen sich erleichtert, dass wenigstens das historische Gebäude erhalten bleibt - erst war im März 2015 ein Brand im Gebäude ausgebrochen, dann waren von Baufachleuten Zweifel an der Gebäudestatik laut geworden. Das Haus ist seit Februar 2016 geschlossen, das Zirkusfestival "Zelta Kārlis" wurde auch bereits für 2017 abgesagt. Der Boden unter dem Gebäude wurde inzwischen auf Grundwasserschäden untersucht, denn an dieser Stelle hatte sich auch früher mal ein kleines Flüßchen befunden.

Unterstützer für eine Fortsetzung der bisherigen Zirkusarbeit gibt es auch: ein offener Brief mit dieser Forderung, der am 19.11.16 an Staatspräsident Vejonis, Landwirtschaftsminister Dūklavs, Kulturministerin Melbārde und Ministerpräsident Kučinskis geschickt worden war, war von 10212 Menschen unterzeichnet worden (Diena). Das lettische Landwirtschaftsministerium hatte vorgeschlagen, eine neue Zirkuskonzeption auf der Grundlage aufzubauen, dass ab dem 1.1.2018 keine Tiere mehr für Vorführungen verwendet werden.
Sicher scheint eines: die neue Direktorin oder der neue Direktor wird nicht nur ein kreatives, vielseitiges Programm auf die Beine stellen müssen - aber der Zeitpunkt einer möglichen Wiedereröffnung bleibt vorerst unklar. Dace Vilsone, stellvertretende Staatssekretärin im Kulturministerium und vorläufig zur Verantwortlichen ernannt hatte sich für umfangreiche Renovierungsarbeiten ausgesprochen, zu denen auch die teilweise Erneuerung der Fassade des Gebäudes gehöre (Diena).

3. Februar 2017

Filme vor Gericht

Der 15.Mai 1993 war ein wichtiges Datum für den lettischen Film - allerdings ist dies eine ganz neue Entdeckung, hervorgerufen und bestätigt durch eine Gerichtsentscheidung.
Es geht um 973 Filme, die zwischen 1964 und dem 4.Mai 1990 (Unabhängigkeits-erklärung des Lettischen Obersten Rats) produziert wurden. Lettlands höchster Gerichtshof (Augstākā Tiesa AT) entschied am 31.Januar, dass die Rechte für alle Filme der Sowjetzeit bei den Autorinnen und Autoren liegen - und damit weder beim lettischen Staat noch bei "Rigas Kinostudio AS". Am 15. Mai 1993 war in Lettland ein neues Gesetz zu Autorenrechten in Kraft getreten ("Par autortiesībām un blakustiesībām").  "Autoren", das heißt im Einzelnen, wie das Gericht formuliert, sind "diejenigen physischen Personen, aufgrund deren kreativer Arbeit die entsprechenden Filme gemacht wurden".

Auch ein früher geltendes sowjetlettisches Rechtsverständnis habe keinen Fortbestand. Eine Rechtslage, die es erlaubt hätte die inzwischen entstandene Aktiengesellschaft "Kinostudija" als Rechteinhaber anzusehen, hätte nur dann entstehen können, wenn die lettische Regierung eine solche Regelung gesetzlich speziell festgelegt hätte - das ist aber nicht der Fall.

Das Kinostudio Riga, so wie es zu
sowjetlettischen Zeiten aussah
Das Rigaer Kinostudio (Rīgas Kinostudija) wurde 1948 gegründet und arbeitete seit 1961 in der Šmerļa ielā 3. Hier wurden viele der Filme der sogenannten "goldenen Serie" des lettischen Films geschaffen, Filme wie "Ceplis", „Vella kalpi” (Teufels Diener), oder „Mērnieku laiki” (Zeit der Landvermesser). Als das Rigaer Kinostudio 1997 in private Hände übergeben wurde, seien aber die rechtlichen Fragen der Rechteinhaber für die bis 1993 produzierten Filme nicht gesondert geklärt worden (der Staat behielt damals 31,3% der Aktien).
Die Produktionshallen der "Rigas Kinostudija AS" heute
2007 hatte das lettische Kultur-ministerium die Publikations-rechte für die sowjetlettischen Filme an eine dänische Firma vergeben mit dem Argument, so den Zugang der Öffentlichkeit zu den Filmen sichern zu wollen. Ab 2008 hatte das Kinostudio den internationalen Vertrieb auf dieser Grundlage selbst organisiert. Ein Teil der früheren Einrichtung des Kinostudios wie Kostüme, Apperaturen, Fotos, Dekorationselemente ist heute im lettischen Kinomuseum in Riga zu sehen.

Bereits 2014 hatte ein Regionalgericht die bis dahin übliche Vorgehensweise des Kulturministeriums gestoppt, gegen diesen Beschluß hatte das Ministerium Berufung eingelegt. Nun fragen sich lettische Kinoliebhaber, wann endlich diese Filme wieder in guter Qualität - etwa auf DVD - zu haben sein werden (und nicht auf illegalem Wege übers Internet beschafft werden müssen).

Die zu damaligen Zeiten übliche Vorgehensweise bei der Entstehung von Filmen ist sehr gut durch das Projekt "Kinoskapis" dokumentiert ("Kinoschrank" genannt, mit dem Vorbild des "Dainuskapis", dem Schrank in dem Krišjānis Barons die Dainas sammelte und aufbewahrte). Jeder Film habe immer mit der Idee eines Autors seinen Anfang genommen, heißt es da; und - falls der Film dann vom Filmstudio befürwortet worden sei, dann sei daraus ein Drehbuch entstanden. Dem entsprechend begrüßt auch die heutige lettische Autorenvereinigung die neue Gerichtsentscheidung (siehe lsm) und sieht vor allem die Rechte dieser Autoren damit gesichert. Auch das Kulturministerium ist offenbar vorerst zufrieden, hat aber bisher lediglich die Digitalisierung von 15 der betroffenen Filme in einen Finanzplan aufgenommen.

9. Januar 2017

Blumen für niemand

Nein, es ist keine Geschichte über das Gute und das Böse. Es ist auch keine Geschichte über lange verborgene Geheimnisse des 2.Weltkrieges, der Besetzung Lettlands durch die Nazis und die Schrecken des Holocaust. Vielleicht ist es eine Geschichte der Enkelgeneration - deren Großväter noch Schwierigkeiten hatten, vom Nazi- und Soldatenleben in ein demokratisches Deutschland hineinzuwachsen. Aber auch eine Geschichte über unangenehme Verwicklungen der heutigen Holocaustforschung, die sich bisher niemand eingestehen will.

Drei Personen hat Regisseur Chris Kraus ("Poll") in seinem neuen Film "Blumen von gestern" in den Vordergrund dieser Geschichte gestellt: nicht die Holocaust-Betroffenen oder Überlebenden, auch nicht die Täter. Die drei Hauptpersonen, Zazie (Adèle Haenel), Totila Blumen (Lars Eidinger) und "Balti" (Jan Josef Liefers) sind allesamt in der Holocaust-Forschung tätig. Als der bisherige Leiter stirbt, bricht zunächst ein unbarmherziger Konkurrenzkampf um die Nachfolge aus, dessen Ergebnis vorgezeichnet scheint: Balthasar sieht sich als den besser Geeigneten, vor allem den, der seine Emotionen besser im Griff hat. Totila ("Toto") wird zudem noch mit der Betreuung einer neuen Praktikantin beauftragt, was er vor allem als Herabsetzung versteht. Und er wird beeinflußt von der unsicheren Vereinbarungen mit seiner Frau, mit der er ein gewagtes Abenteuer eingegangen ist: weil er nicht in der Lage ist sie sexuell zu befriedigen, werden vorübergehende Liebhaber ausgesucht. Und zudem steht noch ein wichtiger Fachkongress bevor, zu der Holocaust-Überlebende geladen werden sollen - und der Umgang mit ihnen gestaltet sich keineswegs als vorhersehbar.

In den ersten Szenen des Films könnten manche Zuschauer ungeduldig werden: wirklich sympatisch kommt hier niemand rüber. Toto und Balti schlagen sich gegenseitig blutig, die Praktikantin kommt mit allerhand Vorurteilen in Deutschland an, die Wissenschaftler-kolleginnen und kollegen wirken wie verblüffte Statisten in einem Krankenhaus, wo sich die "Ärzte" selber zum Pflegefall machen.

Da wirkt der Sarkasmus der Jüdin Frau Rubinstein fast erhellend im Nebel der persönlichen Eitelkeiten und Unsicherheiten. "Zeigen Sie mal ein Foto von ihrer Frau", fragt sie Toto ganz unvermittelt, und überrascht ihn außer diesem unvermittelten Hieb in sein persönliche Schwachstelle auch noch mit bestem Befehlsdeutsch: "Hinsetzen, los zack!" Und Toto setzt sich unbeholfen mitten auf den Tisch. Eine Szene, die aus vielen persönlichen Gesprächen mit Holocaust-Überlebenden entstanden ist, meint Regisseur Chris Kraus. Dessen Stärke, nicht nur Ideen in Bilder umzusetzen (das ist, zugegeben, einfach der Beruf jedes Regisseurs), sondern auch messerscharfe Dialoge zu schreiben, die aus guter Beobachtungsgabe tatsächlicher zwischenmenschlicher Verhältnisse entstehen, wird in diesem Film mehrfach deutlich. Und Juden sind nun mal auch nur Menschen - selbst wenn sie einmal knapp dem Tode entkommen sind, laufen sie eben nicht ständig wie wutentbrannte, zerknirschte Rächer herum. Holocaust-Forscher Toto überrascht dies, wie so vielen Deutschen mindestens eine gewisse Unbeholfenheit zu eigen ist, im Umgang mit Juden. Ob diese alte Dame nun über ihn Witze macht, einfach nur schlechter Laune ist, oder nicht mehr ganz bei Sinnen - er kann es nicht einordnen. Sicherheitshalber schiebt er hinterher: "Ein Holocaustforscher mit Humor, das ist wie ein Popo ohne Loch", rutscht es Toto heraus, der an dieser Stelle zum ersten Mal einen Begriff von Zazie übernimmt.

Nicht nur dass in diesem Film ein Mops vorkommt, hat manche Kritiker dieses Films schon an Loriot erinnert. Allerdings kommt es Jan Josef Liefers über lange Strecken des Films weniger zu Gute - wo die Tonlage sich langsam im sarkastischen, dunklen Humor einpendelt, steigt für manche Zuschauer vielleicht allzu sehr die bekannte Rolle des "Börne" (aus dem Münster-Tatort) vor dem geistigen Auge auf. Das passt in diesem Fall aber schlecht, denn Liefers wirkt in dieser Filmrolle eher wie ein Spiegel dieses Schwarzen Humors, nicht wie sein Verursacher: muss er sich doch damit abfinden, erst zusammengeschlagen zu werden, eine Zeitlang mit einer häßlichen Spange herumlaufen zu müssen, als Möchtegern-Chef des Instituts unbeliebte Entscheidungen durchsetzen zu müssen und dann sich auch noch die Freundin ausspannen zu lassen. Liefers findet dabei, spätestens in der Szene wo Kongreß-Sponsor und Holocaust-Opfer zusammenkommen, durchaus gute Ausdrucksformen - nun gut, der Zuschauer mit Vorprägung ist eben selber Schuld.

Star ist hier eher Lars Eidinger - wer immer sich an diesen Film erinnert nachdem er ihn gesehen hat, wird sich auch an ihn erinnern. Wie er alle Gefühlsvarianten meistert, von aufbrausender Zerstörungswut bis zu neugieriger Spannung auf überraschende weibliche Anziehungskraft, ist durch ihn hervorragend verkörpert. Wer hier "Schwächen in der Figurenzeichnung" meint erkennen zu müssen (siehe "Westfalenpest"), hat wohl noch nie Wissenschaftscliquen intern erlebt, oder meint vielleicht, Professoren und Doktoren müsse man grundsätzlich nur anbeten. Wissenschaft darf persönliche Hintergründe haben, und damit muss man sogar umgehen lernen - das weiß inzwischen nicht nur Chris Kraus. Oder, wie es Jüdin Rubenstein im Film treffend sagt: "Man ist kein guter Mensch, nur weil man in einer guten Institution arbeitet." - Und auch Adèle Haenel wächst in diesem Film in etwas hinein, was sie zu mehr macht als einem deutschen Vorurteil einer Französin (also nicht etwa so wie Nathalie Licard bei Harald Schmidt, um wieder einmal den Weg Richtung Humor zu nehmen). Diese "Zazie" hat zudem das Glück, dass Regie und Drehbuch sie noch mitten im Film als Praktikantin kündigen und zu einer ziemlich unabhängigen Frau werden lassen - nicht nur zwischen zwei Männern, sondern auf dem Weg, ihre Bedürfnisse zu erforschen und ihren Sinn des Lebens zu finden.

Was bleibt am Schluß? Ein Kurzbesuch in Riga (nicht viel mehr als Flughafen, Hotel und ein altes Haus, das zurecht gemacht wie ein ehemaliges Gymnasium wirken soll), dazu neue Abgründe und persönlicher Ballast bei Toto, den auch Zazie nicht mehr so einfach beseitigen kann. Im Film findet eigentlich niemand sein Glück - und das ist gut so. Blumen für niemand eben - außer für diejenigen, die zufällig so heißen.

Webseite zum FilmKinofinder

Filmkritiken:
SWR / Frankfurter Neue Presse / Westfalenpost / Rhein-Neckar-Zeitung / Berliner Morgenpost / Lippische Landeszeitung / Südtirol-News / Weserkurier / ORF / Badische Zeitung / Spiegel-online / Frankenpost / Trailer-ruhr.de / Berliner Zeitung / Focus / Critic.de / Mannheimer Morgen / Rheinische Post / EPD /

6. Januar 2017

"Bahnhof verstehen" als Vision

Wie wird der Hauptbahnhof Riga in Zukunft aussehen?
Eher wie eine aufgeteilte Apfelsine (dänischer
Entwurf) ...
Manchmal wirkt der Hauptbahnhof der lettischen Hauptstadt wie ein Nukleus veränderlicher Zeiten: wer sich noch an eine Kapelle vor den Bahnhofstoren erinnert, wird den "Dünaburger Bahnhof", 1861 erbaut, jedenfalls vor 1920 gesehen haben. Neben diesem entstand der heutige Hauptbahnhof. Nachdem 1872 die Eisenbahnbrücke über die Daugava gebaut worden und der bisherige "Mitauer Bahnhof" damit eine direkte Verbindung zur Stadt bekam, waren Bahnreisen ab Riga in alle Richtungen möglich. Der "Dünburger Bahnhof" wurde 1885 ausgebaut, bis 1914 wurde eine modernere Bahnbrücke über die Daugava erstellt, und die Station hieß nun zunächst "Riga 1". Nochmals neu erbaut wurde das Bahnhofsgebäude dann in der Nachkriegszeit - nachdem das alte Gebäude 1950 abgerissen worden war. Die Neueröffnung fand am 20. Juli 1960 statt, mit gegenüber dem Stadtniveau erhöht verlegten Bahnsteigen, einem erweiterten Bahndamm bis zur Daugava, und dem noch heute bekannten Uhrenturm, der anfangs auch als Wasserturm genutzt wurde. 
... oder vielleicht wie eine Siegesfackel
die aus der Ferne winkt?
In dieser Form war der Hauptbahnhof Riga lange bekannt. Inzwischen wird der Bahnhofsbereich umringt von Einkaufmeilen ("Origo"). Der neue Uhrenturm wurde ebenfalls 2003 fertig, 46m hoch und mit den Großbuchstaben RIGA auf der Spitze. Im vergangenen Jahr feierte die Lettische Eisenbahn ihr 155.Jubiläum.

und auch die Eisenbahnbrücke
muss erweitert werden (hier
einer der Projektentwürfe)
Nun denken aber Bahn und Stadt erneut über neue Zeiten nach. Wenn die Schnellbahnlinie der RAIL BALTICA mal bis Riga fertig sein sollte (bis 2020 will man zumindest begonnen haben), muss die Verzahnung der Verkehrswege neu gestaltet werden. Das neue Stichwort ist dann "multimodaler Funktionsknotenpunkt". Ende November 2016 wurden die Ergebnisse eines Ideenwettbewerbs veröffentlicht, an dem sich 15 Architekturbüros aus Lettland, Dänemark, Spanien, Frankreich und Estland beteiligt hatten. Wie der Juryvorsitzende Jānis Dripe bekannt gab, habe keiner der Entwürfe völlig überzeugt - daher seien zwei Büros zu Siegern erklärt worden: ein dänisches Projekt und ein lettisches. Beiden wurden 45.000 Euro als Preisgeld zugesprochen. Nun soll in den nächsten Monaten mit beiden Siegern diskutiert werden, wie eine für die konkrete Planung taugliche Lösung aussehen könnte.

14ha Fläche umfasst das Planungsgelände insgesamt. Gegenwärtig müssen Bahnfahrer an mehreren Supermärkten und Ladenzeilen vorbeilaufen, um die Bahngleise zu finden; da sei es nicht ganz ausgeschlossen, dass selbst Einheimische sich auf dem Weg zum richtigen Gleis zwischendurch verirrten - meint Pēteris Bajārs vom lettischen Architekturbüro "OutofBox" (lsm).
Je nachdem wie der endgültige Entwurf der Planungen nun aussehen wird, wird im Zuge der Bahnhofsumgestaltung wohl auch der Autobusbahnhof teilweise oder ganz weichen müssen, ebenso wie das Kaufhaus "Titāniks". Die Durchgangsstraße, von der Daugava zum Bahnhof führend, soll möglicherweise von sechs auf vier Fahrspuren verengt werden, so dass auch ein neues Stück Park neu entstehen kann. Der Zugang zwischen Altstadt und Markt wie auch zum Bahnhof soll für Fußgänger wesentlich erleichtert werden.

Für die Zeitschrift "IR" analysierte der Journalist Mārtiņš Ķibilds die Unterschiede zwischen den beiden siegreichen Entwürfen. "Wenn man heutzutage die Leute überzeugen möchte, mit der Bahn zu fahren, dann reicht es nicht neue Gleise und Bahnsteige zu bauen," schreibt er, "auch die Atmosphäre im Bahnhof und der Zugang zur Stadt sind wichtig." Im Gegensatz zum lettischen habe der dänische auch bereits einen Eindruck der Inneneinrichtig des Bahnhofs geben wollen, so Ķibilds.Der lettische Entwurf sei einer von Maximalisten, meint er. "Nur die Hiesigen kennen eben die Verkehrssituation in Riga genau bis in die Einzelheiten." Der lettische Vorschlag enthält übrigens die Variante, am Haupteingang wieder dasjenige Bild herzustellen, was bereits jahrzehntelang dort bekannt war: die Silhouette der Altstadt. Ein spanisches Büro wurde im Wettbewerb übrigens mit einem Sonderpreis ausgezeichnet: es hatte vorgeschlagen, alle Eisenbahntrassen auf der neu zu bauenden Brücke zu vereinen und die bisherige Eisenbahnbrücke dann für Fußgänger und Radler freizugeben.
Für die Umsetzung des bereits jahrzehntelang geplanten RAILBALTICA-Projekts hat Lettland bisher 246,6 Millionen Euro vorgesehen (Estland 142 Mill., Litauen 144 Mill.). 

21. Dezember 2016

Vier Jahre 100 feiern

Wenn am 26. Dezember im australischen Melbourne die 56.Lettischen Kulturtage eröffnet werden, wird das Event bereits als Startschuß gezählt in einer langen Reihe von Feierlichkeiten zu Lettlands 100. Unabhängigkeitsgeburtstag. Von Australien aus wird eine spezielle Flagge dann weitergereicht, gestaltet von der Textilkünstlerin Dagnija Kupča aus Cēsis, die über alle Kontinente der Erde hinweg 2018 dann zurück nach Lettland kommen soll.

Lettland wird sich die Feierlichkeiten zum 100.Unabhängigkeitsjahr 2018 voraussichtlich 60 Millionen Euro kosten lassen - als Basis verabschiedete am 13.Dezember das lettische Regierungskabinet einen entsprechenden Etatplan. Insgesamt gäbe es 800 verschiedene Projektideen dazu in Lettland, und weitere in 70 Staaten der Welt, es wird Veranstaltungen bis ins Jahr 2021 dazu geben. Als "Sprachrohr" dazu wurde eine spezielle Internetseite geschaffen: LV100.lv. Wer sich das Grundsatzpapier des lettischen Kulturministeriums zu diesem Thema durchliest, stößt auf teilweise erstaunliche Thesen.
Der langfristige Erhalt der lettischen Staatlichkeit sei im wesentlichen vom Wunsch der Menschen abhängig, Lettland als unabhängigen Staat erhalten und an seinem Wachsen mitarbeiten zu wollen, heißt es da. Von "Valstgriba" ist viel die Rede ("Staatswillen"). Und dann folgt ein erstaunliches Eingeständnis: lettische Sozialwissenschaftler hätten festgestellt (Quellen werden nicht genannt), dass in den vergangenen 15 Jahren Umstände sich entwickelt haben, die eventuell geeignet seien, den lettischen "Valstgriba" zu schwächen. Gegenüber staatlichen Institutionen sei ein großes Mißtrauen festzustellen, die politische Beteiligung schwinde. Viele träumten von einem Modell angeblicher sozialer Sicherheit, so wie es das Sowjetsystem versprochen habe. Aufgrund den Errungenschaften der Europäischen Union in punkto persönlicher und beruflicher Mobilität hätten mehr als 250.000 Menschen Lettland verlassen, stellt das Ministerium fest. Gleichzeitig habe sich das Unsicherheitsgefühl in einen Regionen des Landes verstärkt. Aber sowohl die Einwohner Lettlands wie auch die im Ausland wohnenden Staatsangehörigen hätten sich bisher ihren Patriotismus und nationales Zugehörigkeitsgefühl bewahrt - beides soll durch die Hundertjahrfeier gestärkt werden. Motto wird sein: "Ich bin Lettland" (Es esmu Latvija).

Die lettische Presse rechnet vorerst nur in nackten Zahlen.Das Gesamtbudget aller Aktivitäten summiert sich auf 60 Millionen Euro - 32 Millionen sollen dabei aus dem Staatssäckel kommen. Ein Teil dieser Summe bezieht sich allerdings auf bereits regelmäßig stattfindende Kulturveranstaltungen, wie etwa die 6,5 Millionen Euro, die für das 2018 regulär anstehende Sängerfest bereitgestellt werden (delfi.lv).

Geht ab sofort im Spezialkoffer
auf Reisen: die lettische
Flagge wird 2018 zurück
erwartet
Wie einleitend ja bereits gesagt, sind also auch etliche Gelder dafür vorgesehen, dass Lettinnen und Letten, die im Ausland leben, ebenfalls Hundertjähriges feiern können. Gleichzeitig steigt allerdings der moralische Druck: das Lettische Institut (von der Zielsetzung vergleichbar mit dem deutschen Goethe-Institut) startete jetzt eine Kampagne "Wir wollen Dich zurück" ("#GribuTeviAtpakaļ"). Lettinnen und Letten sollen im Ausland lebende Freunde und Bekannte mit dieser "emotionalen Botschaft" deutlich machen: ihr seid uns wichtig, Lettland ist immer eure Heimat.
Gleichzeitig tauchen Berichte in der lettischen Presse speziell zu Politikerkindern unter der Überschrift auf "diese wollen nicht zurück". Die Zeitschrift "IR" zählt Beispiele auf: Gints Kučinskis, Sohn des lettischen Ministerpräsidenten, studierte Physik und arbeitet in Deutschland. Nein, er habe seinen Sohn nicht gedrängt, zurückzukommen, sagt der Pappi und Regierungschef; er wisse, wie schwer es Naturwissenschaftler in Lettland haben, an gut bezahlte Projekte zu kommen.
Sintija Brigmana, Tochter des Fraktionschefs der Bauernpartei und der Grünen, August Brigmanis, studiert schon seit sie 16 Jahre alt war in Großbritannien. Sie komme aber regelmäßig zu Besuch, antwortet Brigmanis, und es reiche schließlich nicht einfach zu sagen "komm zurück" - es müsse auch ein guter Job, Kindergarten, Schule und Internetzugang sein (sagt ein schon jahrelang als Abgeordneter tätiger Mensch).
Auch die beiden Kinder von Lettlands langjährigem EU-Kommissar Andris Piebalgs, Alise und Anete, leben im Ausland (in Österreich und Großbritannien) und arbeiten beide für große Unternehmen, die keine Niederlassungen in Lettland haben.
Vorerst scheinen also moralische Empörung und persönlicher Realismus noch zwei verschiedene Dinge zu sein. Wird Lettland nach 4 Jahren Dauerfeier anders aussehen?

4. Dezember 2016

Ķirsons überwintert

Als im Mai zwei Filialen des lettischen Unternehmers Gunārs Ķirsons in Berlin eröffnet wurden (siehe Blogbeitrag), schauten auch Lettinnen und Letten skeptisch: würde es möglich sein, die Erfolgsgeschichte des lettischen LIDO auch in Deutschland fortzusetzen? Denn der gute Ruf des 65-jährigen Letten, Sohn eines ehemals nach Sibirien Verbannten, hat bereits etwas gelitten: sein Aufstieg wurde durch die Wirtschaftskrise 2009/2010 arg gebremst, er musste Eigentum verkaufen, und manche sahen auch die LIDO-Kette kurz vor der Pleite. 2010 musste die Zahlungsunfähigkeit erklärt werden; der Umsatz sank von 900.000 im Jahr 2011 auf 240.000 Euro 2012 (delfi) - auch die Sanktionen der EU gegen Russland trafen die LIDO-Kette. Erst 2015 galt Ķirsons als wieder einigermaßen stabilisiert, das Unternehmen war jetzt auch bereits an zwei Orten in Tallinn präsent.

Also zumindest ist Stillstand nicht Ķirsons Art: 2014 startete er die Eishockey-Schule "LIDO Latvija", nur sieben Monate (!) nach deren Gründung wurde die Jugendmannschaft "LIDO Latvija" bereits lettischer Meister. Schon seit 2005 bestand der Judo-Klub "Lido". Denn Ķirsons ist auch Sportler: im Sambo, einer dem Judo ähnlichen Kampfsportart, deren Tradionen zu Sowjetzeiten gelegt wurden, ist Ķirsons dreifacher lettischer Meister, da ist fast logisch, dass er auch Träger des schwarzen Gürtels im Judo ist. Auch in der Leichtatlethik übte er sich, im Speerwerfen versuchte er sich zu Zeiten als Jānis Lūsis Vorbild für alle war. Aber als Sportler sah Ķirsons für sich keine Möglichkeit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten: zunächst wurde er Schweinezüchter, dann als Kellner und Barkeeper. Während der Olympischen Spiele, deren Segelwettbewerbe 1980 in Tallinn ausgetragen wurden, soll Ķirsons dort die Gäste mit Cocktails erfreut haben (sporto). Auch in Riga, im damaligen Restaurant "Ščecina" ("Stettin"), arbeitet der umtriebige Lette noch als Barkeeper, und ist besonders stolz auf seine Gin-Tonic-Rezepte (damals das Modegetränk in Riga). Der Versuch des Wechsels zur Kunsthochschule (die Lebensgefährtin war Malerin) scheiterte noch an der Aufnahmeprüfung, aber 1987 eröffnet er in der Lāčplēša ielā in Riga die Bar "LIDO". 1991 wird Ķirsons zum Eigentümer, und kann die heute noch bestehende Kette von Schnellrestaurants eröffnen: deftiges, frisch zubereitetes Essen in leicht folkloristisch angehauchter Atmosphäre - in den 1990igern war LIDO in Riga so beliebt, dass selbst die Konkurrenz von "MacDonalds" oder KFC nicht gefürchtet werden brauchte.

Politikern wie Ex-Premier Valdis Dombrovskis bezeugt Ķirsons heute seine Hochachtung, den Staat ruhig durch die Krise gebracht zu haben (Delfi). Das LIDO-Erfolgsrezept im Heimatland Lettland beruht auch auf der Erkenntnis, dass Lettinnen und Letten durchschnittlich eher konservativ essen, was die Auswahl betrifft: eher traditionelle Gerichte.

Ob das auch fürs deutsche Publikum gilt? Das Konzept der beiden Berliner "Ķirsons" läßt ein wenig darauf hindeuten: Suppe, Hauptgericht, Nachtisch (oder Kuchen). Satt werden soll der Kunde, ohne von allzuviel lettischen Experimenten belästigt zu werden. Aber: viele frische Säfte. 3 Millionen Euro investierte Ķirsons (nach eigenen Angaben) in Berlin (mit Hilfe der DNB-Bank) in 721 qm Restaurantfläche, gestaltet von Tochter Evija Ķirsone. Arbeitsplätze auch für insgesamt 62 Lettinnen und Letten.

Gegenwärtig gleicht zumindest das Lokal nahe der Jannowitzbrücke einer Ruhe-Oase. Draußen tobt der sogenannte "Wintertraum am Alexa", der mit seinen Geisterbahnen, Schreckenskammern und blinkend hupenden Karussels eher einem Alptraum gleicht - jedenfalls für diejenigen, die Weihnachten mit Christi Geburt oder einer Zeit der Besinnlichkeit identifizieren. Draußen haben sogar die Esten sich unter den Trubel gemischt und verteilen im blau-weiß-schwarzen Elchkostüm ihren Wodka. "Aprés Ski Feeling" wird hier beworben, und "Halloween" oder "Chaos Airport" weisen den Weg: in Ruhe einkehren bei Ķirsons. Vielleicht hat es mit dem "Schlachtenlärm" draußen zu tun, wenn auch der Lette sich überraschend einseitig männlich gibt: "der Weg zum Herzen eines Mannes geht durch den Magen", so der neue Werbespruch. Wie, stehen bei Ķirsons etwa nur die Frauen am Herd? Keineswegs, das ist offenbar.
Noch 100 weitere Restaurants möchte Ķirsons in Deutschland eröffnen, so verkündete es die Firma vor der lettischen Presse. Wir warten gespannt - vorerst ist es ein erster Schritt, dass Ķirsons in Berlin überwintert.