24. April 2017

Nicht nur die Oma vom Lande

Lettische Frauen, die Aufmerksamkeit der internationalen Presse erregen? Nein, diesmal weder Politikerin, Model, Sportlerin noch Sängerin.
Die junge Zelma Brezinska fotografiert Hochzeiten in Latgale, dem Osten Lettlands. “Schon seit meine Kindheit habe ich verschiedene Formen, mich kreativ ausdrücken zu können, gesucht. Musik, Tanz Theater," erzählt Zelma dem Portal "KasJauns". "Dann kam ich zur Fotografie, und seitdem diskutieren wir über schönes oder nicht schönes, über den Alltag und über Feiertage, über Ereignisse, Menschen, und das Leben insgesamt." Nun erregte eines ihrer Fotos Aufsehen. Das Motiv war nicht schwer zu finden: ihre eigene Mutter.

Die "Deutsche Welle" hatte zusammen mit dem Fotoblog "eyeem.com" zu einem Fotowettwerb untter dem Motto aufgerufen: Frauen in der ganzen Welt. 25.000 Fotos wurden eingereicht, 10 Siegerfotos ausgewählt. Zelma fotografierte ihre Mutter in dem Haus, dass sie zusammen mit ihrem Ehemann vor 60 Jahren selbst aufgebaut hat. "Lettland war für viele Jahre Teil der Sowjetunion, und damals mussten Frauen viel physisch leisten um für ihre Familien zu sorgen," erzählt Zelma. "Frauen haben sich in dieser Gesellschaft bewähren müssen, Arbeit wie die Männer leisten, so wie Gräben ausheben oder Traktor fahren."
"Eines jedoch hatten sie nicht - gleiche Bildungschancen, so wie wir sie heute haben", meint Zelma. "Die harte Arbeit ruinierte ihre Gesundheit, und als Lettland die Unabhängigkeit wiedererlangte verloren viele Frauen ihr Erspartes; heute bekommen sie eine Rente, die nicht mal zum Bezahlen der notwendigen Medikamente reicht."

Aber von Latgale, ihre Heimatregion, schwärmt Zelma: "Latgale mit der außerordentlich schönen Natur und die Menschen dort haben schon viele Fotografen inspiriert, darunter auch mich. Das ist die Traum-Landschaft meiner Kindheit, wohin ich immer wieder zurückkehre."

20. April 2017

Der Liederhauer

Skulpturen des "Dainu kalns" (Liederbergs) auf
dem Gelände der Burg Turaida nahe Sigulda
Dieses Highlight eines Lettland-Besuchs möchte kaum ein Tourist verpassen mögen:spätestens wenn der Jugendstil in Riga besichtigt, der Stop in Rundale absolviert, und der Strand von Jūrmala erkundet ist, wenden sich die Wege nach Sigulda, zur Gutmanis-Höhle und zum Nationalpark im Gauja-Tal. Dort, einen kurzen Spaziergang nur von der Burg Turaida entfernt, stehen die bekanntesten Werke des lettischen Bildhauers Indulis Ranka: 26 Skulpturen mit Themen der lettischen Liedersammlungen, der "Dainas". Kein in staatlichem Auftrag erstelltes Pathos ist hier zu besichtigen - obwohl bereits 1985 eröffnet.
Indulis Ranka, vor seiner
Werkstatt in der Amulas iela
Die Idee entstand aus dem Briefwechsel des Bildhauers mit der damaligen Direktorin des Heimatmuseums in Sigulda, Anna Jurkāne. Fünf Jahre lang wurde überlegt, welche Themen, welche Aufstellungsorte, welche Szenen am besten im Einklang mit der umgebenden Natur stehen würden. Dann allerdings wurde dieser symbolische Ort lettischen Kulturguts auch zum Treffpunkt derer, die Freiheit und Unabhängigkeit im Sinn hatten. Die Eröffnung fand am 7. Juli 1985 statt, zum 150. Geburtstag von Krišjānis Barons, dem Liedersammler, der den Dainas einen eigenen Schrank baute. 1988 fand das erste Folklorefestival "Baltica" hier statt, und erstmals nach langer Zeit war auch wieder die lettische Fahne gezeigt. 

Indulis Ranka beschäftigte sich, nachdem er in den 1950iger Jahren die Kunsthochschule abgeschlossen hatte, zunächst mit Malerei und Grafik. Aus dem Jahr 1966 sind seine ersten Skulpturen aus Granit bekannt. "Wenn unwiderstehliche Kraft auf unbewegliche Objekte trifft" - dieses Motto hat eine Webseite gewählt, die sein Andenken ehren will. Und tatsächlich: manche seiner Werke sehen so aus, als hätten riesige Finger einfach mal ein wenig im weichen Ton gespielt und so Figuren geformt. Können Steine schmelzen? Wenn, dann unter den kräftigen Händen von Indulis Ranka, möchte man meinen - wer jemals gesehen hat, mit welch riesigen Baggern und Baufahrzeugen die Steine bewegt und herbeigeschafft werden müssen, aus denen Ranka dann Kunstwerke schuf, wird verstehen was künstlerische Ideen zu bewegen vermögen. Er schuf aber tatsächlich von vielen seiner Skulpturen vorher kleine Plastilinmodelle, um die künstlerischen Ideen möglichst bis zur Fertigstellung optimieren zu können.

Indulis Ojārs Ranka, geboren 1934 in Jaungulbene in Vidzeme, beteiligte sich auch an vielen internationalen Symposien vor allem nach Norwegen, Moldawien, auch in Japan. Kennzeichnend für ihn sind die Betrebungen, Freiluft-Skulpturengärten zu errichten - so auch nahe seiner Werkstatt in der Amulas iela im Rigaer Süden, nahe dem Fluß Mārupīte ("Akmeņdārzs"). Dort, öffentlich ausgestellt und frei zugänglich, geschah es nicht selten, dass Kinder seine Skulpturen erklimmen oder auf andere spielerische Art und Weise "gebrauchten". Da konnte es leicht passieren, dass der Künstler selbst, leise den nur mit einem losen Lattenzaun verschlossenen Zugang zu seinem Atelier öffnend, plötzlich schmunzelnd daneben stand. Zweckentfremdung, Entehrung der Kunst? Nein, so etwas wäre Ranka nie in den Sinn gekommen - sein geistiges Gut und Inspiration war des Volkes, und seine Kunst sollte es wohl auch sein. 
Indulis Ranka starb am 13. April 2017 in Riga, zwei Tage vor seinem 83. Geburtstag.

7. April 2017

Durchgeboxt

Foto: Sportacentrs
Ein weiterer lettischer Sportler hat es geschafft sich internationale Aufmerksamkeit zu sichern: der Boxer Mairis Briedis besiegte am 1. April 2017 in seinem Kampf nach Regeln der WBC Marco Huck nach Punkten und wurde damit neuer Weltmeister im sogenannten "Cruisergewicht" (bis 90,72 kg). Damit ist er der erste Profiboxweltmeister aus Lettland überhaupt.

Der 1985 in Riga geborene Linkshändler arbeitete zunächst bei der lettischen Polizei, bis er sich 2009 ins Profigeschäft wagte. Seitdem gewann er alle seine 22 Kämpfe, 18 davon durch Ko.
Auch Zukunftspläne hat Briedis bereits: seinen Äußerungen zufolge plant er in Riga eine Boxschule zu eröffnen, und denkt dabei auch über eine Zusammenarbeit mit Kristaps Porziņģis nach, Lettlands zur Zeit erfolgreichstem Basketball-Spieler (derzeit New York Knicks). Briedis, der auch schon mal mit Sprüchen wie "mein Doping ist mein Volk" auffiel (lsm), winkt jetzt eine "Belohnung" von 28.458 Euro aus dem lettischen Staatshaushalt, so soll es angeblich ein Vorschlag des Ministerkabinetts vorsehen. "Ich mag es nicht, wenn andere unsauber boxen", sagte er dem Newsportal "Kas Jauns" im Interview. "Andere schlagen unter der Gürtellinie oder beißen dem anderen ein Ohr ab, von mir wird es das nicht geben." 
Mit den beiden Klitschko-Brüdern pflegt Briedis gelegentlich Kontakt. Aber die größte Stütze im Leben seien ihm seine Frau und die Kinder, meint Briedis. Auch, wenn das manchmal zur Folge habe, dass er nur nach speziellem Essensplan leben kann, also ihm muss etwas anderes zubereitet werden als dem Rest der Familie. Briedis hat bereits vier Kinder - die Zwillinge Ričards un Daniels leben mit seiner ersten Frau in England. Dazu kommen dann die Tochter Brendana und der Sohn Rafaels mit seiner zweiten Frau Jūlija, die er 2013 heiratete. Auf die Frage, wie er die vielen Schläge während eines Boxkampfs aushalten könne, antwortete Briedis einmal: "Das ist doch gar nichts dagegen, was eine Frau bei der Geburt eines Kindes aushalten muss!"

Briedis, der ohne Schulabschluß ist, arbeitete zu Anfang seiner Karriere auch als Fahrer und Leibwächter, sogar als Hausmeister. Der Vater stammte aus Valmiera, die Mutter aus Latgale. Angesprochen darauf, dass manche den Latgalern nachsagen, sie würden sich mit jedem schlagen, antwortet Briedis: "Dort, wo ich als Kind vor meiner Schulzeit war, hätte ich mich nur mit den Kühen schlagen können, etwas anderes gab es dort nicht." Und dazu, dass er von vielen als "sturer Charakter" bezeichnet wird, sagt er: "Wenn jemand meint, ich müsse das und das tun, dann kann es sein, das ich antworte - nein, das überzeugt mich nicht," gibt er zu. "Wirklich mich überzeugen, das kann nur meine Frau!"

Ob Lettlands neuer Weltmeister nun wirklich zusätzlich mit einer staatlichen Prämie rechnen kann, wird das Ministerkabinett in einigen Tagen entscheiden. Da ja gerade Profiboxer bei erfolgreichen Kämpfen gerne ein sattes Preisgeld aushandeln, haben einige Journalisten auch schon mal vorsorglich nachgesehen, was Boxer Briedis zuletzt so versteuert hat - in Lettland ist das "Steuergeheimnis" weit leichter zu lüften als etwa in Deutschland. 52.211 Euro habe Briedis im vergangenen Jahr versteuert, berichtet die "Latvijas Avize", davon 12.008 Euro als Inspektor der Staatspolizei. Allerdings habe Lettlands bester Boxer auch 15.100 Euro an Belastungen angegeben, das bezieht sich auf sein Eigentum an Grundstück und Haus.

7. März 2017

Kirche sucht neues Zuhause

Kirche mit Migrationshintergrund? Gibt es sowas? Bei der lettischen evangelischen Kirche könnte man es annehmen. Nein, genauer gesagt: von der "Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands im Ausland" (Latvijas Evanģēliski Luteriskā Baznīca Ārpus Latvijas - LELBĀL). Diese wurde nach dem 2. Weltkrieg gegründet, als Lettland von der Sowjetunion okkupiert wurde, und viele Lettinnen und Letten zunächst nach Westeuropa, dann weiter in andere Länder der Welt flohen.

Etwa die Häfte der evangelisch-lutherischen Priester ging damals weg, die andere Hälfte versuchte daheim, unter strenger Beobachtung des KGB und Gängelung durch die Sowjetbehörden, zu überleben. Beide Teile hatten jeweils ihre Erzbischöfe, und beide sahen sich als Nachfolger der Kirche an, die bis 1940 bestanden hatte.Diese Teilung zwischen LELB (in Lettland) und LELBĀL (außerhalb Lettlands) besteht bis heute.

Gruppenbild mit Frauen: LEBāL und LELB bei einem
der seltenen Gesprächstreffen in Riga
Das scheint wie ein Treppenwitz zum Reformationsjubiläum: der doppelte Luther für Lettland? Seit Wiedererlangung der Unabhängigkeit gab es einige Versuche sich zu einigen - 1998 wurden mal "gemeinsame Regeln" festgelegt, aber vor allem seit dem Mehrheitsbeschluß der lettischen Ev. Kirche unter Bischof Janis Vanags, Ordination von Frauen weiter nicht zuzulassen, sind die Treffen seltener geworden. Das geschah im Frühjahr 2016. In den 50 Jahren getrennter Entwicklung scheinen sich die zwei lutherischen Kirchen Lettlands nun vor allem in einem einig zu sein: man ist sich uneinig.

Lauma Zušēvica ist Erzbischöfin der LELBĀL. Ihre Gemeinden liegen verstreut in Nord- und Südamerika, Neuseeland, Australien und Europa. Aber bereits am 31. Mai 2016 gründete die Auslandskirche eine erste, eigene Propstei im Heimatland: in Räumen der Universität Lettlands in Riga. Priester ist dort nun Kārlis Žols, geboren 1971 in Riga und dort als Priester ordiniert 1996; Žols lebte von 2000 bis 2015 in den USA.
Frauen als Bischöfinnnen,
Priesterinnen und Diakone:
in der Auslandskirche Lettlands
kein ungewohntes Bild mehr
Auch die Mitglieder der Kreuzkirchen-Gemeinde im Küstenort Liepāja hatten sich dafür entschieden, die LELB zu verlassen und hat einen Antrag auf Aufnahme in die LELBĀL gestellt. Der Pastor der Kreuzkirchen-Gemeinde, Martiņš Urdze, selbst in Deutschland aufgewachsen, hatte der Synode bereits vorher angekündigt dass er die LELB verlassen wolle, wenn die Frauenordination unmöglich werde. Aber die Auslandsabteilung der lettischen Lutheraner muss um ihren rechtlichen Status in Lettland noch kämpfen: um die kleine, 1792 erbaute Kirche von Valtaiķu in Kurland (früherer deutscher Name: "Neuhausen"), gab es bereits eine Auseinandersetzung vor Lettlands höchstem Gericht.
Valtaiķu hatte sich, neben einer Kirchengemeinde in Aizpute, der Kreuzkirche Liepāja und Rigas Evangelischer Gemeinde (Rīgas Evaņģēliskā draudze), sich der LELBĀL angeschlossen.

Die Auslandskirche LELBāL kündigte inzwischen an, in Lettland auch Möglichkeiten zum Bau eigener Gotteshäuser in Riga zu erkunden (KasJauns); bisher fanden die Gottesdienste in Kirchen der Methodisten und der Anglikaner statt.

Am 18. März 2017 wird auf dem Domplatz in Riga die Wanderausstellung "500 Jahre Reformation" zu sehen sein (siehe: Europäischer Stationenweg). Vielleicht sollte auch mal jemand nachsehen, ob an einer Kirche zu Wittenberge irgendwelche neue Thesen angeschlagen stehen? 

28. Februar 2017

Wer möchte Durchschnitt sein?

Ob wohl alle diejenigen Lettinnen und Letten, die in anderen EU-Ländern Arbeit gefunden haben, die Statistiken der Heimat lesen? Gerade veröffentlichte das lettische Statistikamt (Centrālās statistikas pārvaldes - CSP) wieder Daten zur Wirtschaftslage. Demnach wuchs das lettische Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 2,0%.
Der statistische mittlere Nettolohn bewegt sich diesen Zahlen zufolge bei 631 Euro, was 73,5% des Brottodurchschnittslohn bedeutet.
Der gesetzlich festgelegte Mindestlohn wurde 2016 von 360 auf 370 Euro erhöht.

Doch die Verhältnisse unterscheiden sich sehr stark, von Berufssparte zu Berufssparte. Im nichtstaatlichen, privaten Sektor stiegen die Löhne durchschnittlich schneller als im staatlichen Sektor (+5,8% gegenüber +2,7%). Glücklicher sicherlich, wer im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien arbeiten: hier liegt der Lohn durchschnittlich bei 1364 Euro. Auch im Bereich Elektro-, Gas- und Wärmeversorgung sind die gezahlten Löhne mit 1163 Euro noch vierstellig. In der Verwaltung und im Bereich der Verteidigung wird durchschnittlich 1071 Euro gezahlt, in der Rohstoffgewinnung und im Tagebau sind es noch 971 Euro. Wissenschaftliche und technische Dienstleistungen können noch mit 937 Euro Brutto lohn rechnen, im Transportwesen sind es noch 870 Euro, bei Müllabfurh Sanitär und Wasser lediglich 842 Euro. Arbeiter im Bauwesen bekommen nur durchschnittlich 828 Euro monatlich, in der Wald-, Fisch- und Landwirtschaft sind es nur noch 820 Euro, in der Verarbeitungsindustrie gerade mal 811 Euro brutto.
Noch niedriger liegt sogar das Gesundheitswesen mit 799 Euro, die administrativen Dienstleistungen mit 780 Euro, Dienstleis-tungen rund um Immobilien mit 770 Euro und der Kleinhandel mit 769 Euro. Ganz am unteren Ende liegt der Bereich Kunst, Freizeit und Erholung mit 734 Euro monatlich im Durchschnitt und - das Bildungswesen, wo durchschnittlich sogar nur 703 Euro brutto gezahlt wird. Kann es noch tiefer gehen? Es kann! Im Hotel- und Restaurantwesen in Lettland wird brutto durschnittlich nur 703 Euro gezahlt. Ach ja, im Finanz- und Versicherungswesen sind es dann doch durchschnittlich 1819 Euro monatlich. (Zahlen: Dienas Bizness)

Das bedeutet insgesamt in Lettland einen Brutto-Durchschnittslohn von 853 Euro - rein statistisch gesehen, natürlich. Träumen also alle Krankenschwestern und Lehrerinnen von einer Karriere im Finanzwesen?
Heftig diskutiert wird zur Zeit eine Steuerreform. Vorschlägen des Finanzministeriums zufolge sollen Einkommenssteuern (ienākuma nodokļi UIN) gesenkt und damit vor allem kleinere Firmen gefördert werden, gleichzeitig soll die sogenannte "Solidaritätssteuer" (solidaritātes nodokli) angehoben werden (lsm, Financenet). Diese war 2016 eingeführt worden, und damit erstmals eine etwas höhere Steuerlast für Besserverdienende festgelegt (alle die mehr als 48.600 Euro pro Jahr verdienen).
Auch ein Vorschlag zur Anhebung des Mindestlohns auf 430 Euro steht gegenwärtig zur Diskussion. Aber inzwischen dauern die Diskussionen um eine Steuerreform in Lettland auch bereits Monate an.

9. Februar 2017

Zirkusdirektor/in gesucht!

Eine vom lettischen Kulturministerium speziell eingesetzte Kommission soll über eine neue Direktorin oder einen Direktor des traditionsreichen "Rigas Cirks" entscheiden. Sollte eine Lösung gefunden werden, wird der Stadtzirkus dann jedoch wesentlich anders aussehen als bisher. Seit 1888 gibt es in Riga einen Stadtzirkus in der Merķeļa ielā 4, der einzige in den baltischen Staaten. Zuletzt aber hatte es auch Protestdemonstrationen gegeben: vor allem wegen der Tierdressuren.

Die langjährige Zirkuschefin Lolita Lipinska hatte ihr Amt Ende vergangenen Jahres zur Verfügung gestellt, indem sie sich geweigert hatte, an einer Neuausschreibung der Stelle teilzunehmen. Lipinska hatte sich auch unzufrieden damit gezeigt, dass nach langjährigem Streit nun sowohl Gebäude wie auch Grundstück, auf dem das Zirkusgebäude steht, in Staatseigentum übergegangen war. Auch hatte die bisherige Direktorin Tierdressuren verteidigt: "In unserem Zirkus ist niemals je ein Tier, sei es Katzen, Hunde, Löwe, Tiger, Bär, Krokodil oder Elefant verletzt worden!" (delfi, cirks.lv)
Das lettische Kulturministerium dagegen äußerte sich unzufrieden mit den Zukunftsstrategien, so wie sie Lipinska vorgelegt hatte. "Frau Lipinska vertrat nur den traditionellen Zirkus," lässt sich Sandis Voldiņš als Vertreter des Kulturministeriums in der lettischen Presse zitieren, "wir aber wollen einen Multifunktionsbetrieb, wir wollen, ähnlich wie im Theater, neue Publikumsschichten ansprechen."

Die haben nur Angst vor weiteren Protestdemonstrationen - sagen einige. Andere zeigen sich erleichtert, dass wenigstens das historische Gebäude erhalten bleibt - erst war im März 2015 ein Brand im Gebäude ausgebrochen, dann waren von Baufachleuten Zweifel an der Gebäudestatik laut geworden. Das Haus ist seit Februar 2016 geschlossen, das Zirkusfestival "Zelta Kārlis" wurde auch bereits für 2017 abgesagt. Der Boden unter dem Gebäude wurde inzwischen auf Grundwasserschäden untersucht, denn an dieser Stelle hatte sich auch früher mal ein kleines Flüßchen befunden.

Unterstützer für eine Fortsetzung der bisherigen Zirkusarbeit gibt es auch: ein offener Brief mit dieser Forderung, der am 19.11.16 an Staatspräsident Vejonis, Landwirtschaftsminister Dūklavs, Kulturministerin Melbārde und Ministerpräsident Kučinskis geschickt worden war, war von 10212 Menschen unterzeichnet worden (Diena). Das lettische Landwirtschaftsministerium hatte vorgeschlagen, eine neue Zirkuskonzeption auf der Grundlage aufzubauen, dass ab dem 1.1.2018 keine Tiere mehr für Vorführungen verwendet werden.
Sicher scheint eines: die neue Direktorin oder der neue Direktor wird nicht nur ein kreatives, vielseitiges Programm auf die Beine stellen müssen - aber der Zeitpunkt einer möglichen Wiedereröffnung bleibt vorerst unklar. Dace Vilsone, stellvertretende Staatssekretärin im Kulturministerium und vorläufig zur Verantwortlichen ernannt hatte sich für umfangreiche Renovierungsarbeiten ausgesprochen, zu denen auch die teilweise Erneuerung der Fassade des Gebäudes gehöre (Diena).

3. Februar 2017

Filme vor Gericht

Der 15.Mai 1993 war ein wichtiges Datum für den lettischen Film - allerdings ist dies eine ganz neue Entdeckung, hervorgerufen und bestätigt durch eine Gerichtsentscheidung.
Es geht um 973 Filme, die zwischen 1964 und dem 4.Mai 1990 (Unabhängigkeits-erklärung des Lettischen Obersten Rats) produziert wurden. Lettlands höchster Gerichtshof (Augstākā Tiesa AT) entschied am 31.Januar, dass die Rechte für alle Filme der Sowjetzeit bei den Autorinnen und Autoren liegen - und damit weder beim lettischen Staat noch bei "Rigas Kinostudio AS". Am 15. Mai 1993 war in Lettland ein neues Gesetz zu Autorenrechten in Kraft getreten ("Par autortiesībām un blakustiesībām").  "Autoren", das heißt im Einzelnen, wie das Gericht formuliert, sind "diejenigen physischen Personen, aufgrund deren kreativer Arbeit die entsprechenden Filme gemacht wurden".

Auch ein früher geltendes sowjetlettisches Rechtsverständnis habe keinen Fortbestand. Eine Rechtslage, die es erlaubt hätte die inzwischen entstandene Aktiengesellschaft "Kinostudija" als Rechteinhaber anzusehen, hätte nur dann entstehen können, wenn die lettische Regierung eine solche Regelung gesetzlich speziell festgelegt hätte - das ist aber nicht der Fall.

Das Kinostudio Riga, so wie es zu
sowjetlettischen Zeiten aussah
Das Rigaer Kinostudio (Rīgas Kinostudija) wurde 1948 gegründet und arbeitete seit 1961 in der Šmerļa ielā 3. Hier wurden viele der Filme der sogenannten "goldenen Serie" des lettischen Films geschaffen, Filme wie "Ceplis", „Vella kalpi” (Teufels Diener), oder „Mērnieku laiki” (Zeit der Landvermesser). Als das Rigaer Kinostudio 1997 in private Hände übergeben wurde, seien aber die rechtlichen Fragen der Rechteinhaber für die bis 1993 produzierten Filme nicht gesondert geklärt worden (der Staat behielt damals 31,3% der Aktien).
Die Produktionshallen der "Rigas Kinostudija AS" heute
2007 hatte das lettische Kultur-ministerium die Publikations-rechte für die sowjetlettischen Filme an eine dänische Firma vergeben mit dem Argument, so den Zugang der Öffentlichkeit zu den Filmen sichern zu wollen. Ab 2008 hatte das Kinostudio den internationalen Vertrieb auf dieser Grundlage selbst organisiert. Ein Teil der früheren Einrichtung des Kinostudios wie Kostüme, Apperaturen, Fotos, Dekorationselemente ist heute im lettischen Kinomuseum in Riga zu sehen.

Bereits 2014 hatte ein Regionalgericht die bis dahin übliche Vorgehensweise des Kulturministeriums gestoppt, gegen diesen Beschluß hatte das Ministerium Berufung eingelegt. Nun fragen sich lettische Kinoliebhaber, wann endlich diese Filme wieder in guter Qualität - etwa auf DVD - zu haben sein werden (und nicht auf illegalem Wege übers Internet beschafft werden müssen).

Die zu damaligen Zeiten übliche Vorgehensweise bei der Entstehung von Filmen ist sehr gut durch das Projekt "Kinoskapis" dokumentiert ("Kinoschrank" genannt, mit dem Vorbild des "Dainuskapis", dem Schrank in dem Krišjānis Barons die Dainas sammelte und aufbewahrte). Jeder Film habe immer mit der Idee eines Autors seinen Anfang genommen, heißt es da; und - falls der Film dann vom Filmstudio befürwortet worden sei, dann sei daraus ein Drehbuch entstanden. Dem entsprechend begrüßt auch die heutige lettische Autorenvereinigung die neue Gerichtsentscheidung (siehe lsm) und sieht vor allem die Rechte dieser Autoren damit gesichert. Auch das Kulturministerium ist offenbar vorerst zufrieden, hat aber bisher lediglich die Digitalisierung von 15 der betroffenen Filme in einen Finanzplan aufgenommen.

9. Januar 2017

Blumen für niemand

Nein, es ist keine Geschichte über das Gute und das Böse. Es ist auch keine Geschichte über lange verborgene Geheimnisse des 2.Weltkrieges, der Besetzung Lettlands durch die Nazis und die Schrecken des Holocaust. Vielleicht ist es eine Geschichte der Enkelgeneration - deren Großväter noch Schwierigkeiten hatten, vom Nazi- und Soldatenleben in ein demokratisches Deutschland hineinzuwachsen. Aber auch eine Geschichte über unangenehme Verwicklungen der heutigen Holocaustforschung, die sich bisher niemand eingestehen will.

Drei Personen hat Regisseur Chris Kraus ("Poll") in seinem neuen Film "Blumen von gestern" in den Vordergrund dieser Geschichte gestellt: nicht die Holocaust-Betroffenen oder Überlebenden, auch nicht die Täter. Die drei Hauptpersonen, Zazie (Adèle Haenel), Totila Blumen (Lars Eidinger) und "Balti" (Jan Josef Liefers) sind allesamt in der Holocaust-Forschung tätig. Als der bisherige Leiter stirbt, bricht zunächst ein unbarmherziger Konkurrenzkampf um die Nachfolge aus, dessen Ergebnis vorgezeichnet scheint: Balthasar sieht sich als den besser Geeigneten, vor allem den, der seine Emotionen besser im Griff hat. Totila ("Toto") wird zudem noch mit der Betreuung einer neuen Praktikantin beauftragt, was er vor allem als Herabsetzung versteht. Und er wird beeinflußt von der unsicheren Vereinbarungen mit seiner Frau, mit der er ein gewagtes Abenteuer eingegangen ist: weil er nicht in der Lage ist sie sexuell zu befriedigen, werden vorübergehende Liebhaber ausgesucht. Und zudem steht noch ein wichtiger Fachkongress bevor, zu der Holocaust-Überlebende geladen werden sollen - und der Umgang mit ihnen gestaltet sich keineswegs als vorhersehbar.

In den ersten Szenen des Films könnten manche Zuschauer ungeduldig werden: wirklich sympatisch kommt hier niemand rüber. Toto und Balti schlagen sich gegenseitig blutig, die Praktikantin kommt mit allerhand Vorurteilen in Deutschland an, die Wissenschaftler-kolleginnen und kollegen wirken wie verblüffte Statisten in einem Krankenhaus, wo sich die "Ärzte" selber zum Pflegefall machen.

Da wirkt der Sarkasmus der Jüdin Frau Rubinstein fast erhellend im Nebel der persönlichen Eitelkeiten und Unsicherheiten. "Zeigen Sie mal ein Foto von ihrer Frau", fragt sie Toto ganz unvermittelt, und überrascht ihn außer diesem unvermittelten Hieb in sein persönliche Schwachstelle auch noch mit bestem Befehlsdeutsch: "Hinsetzen, los zack!" Und Toto setzt sich unbeholfen mitten auf den Tisch. Eine Szene, die aus vielen persönlichen Gesprächen mit Holocaust-Überlebenden entstanden ist, meint Regisseur Chris Kraus. Dessen Stärke, nicht nur Ideen in Bilder umzusetzen (das ist, zugegeben, einfach der Beruf jedes Regisseurs), sondern auch messerscharfe Dialoge zu schreiben, die aus guter Beobachtungsgabe tatsächlicher zwischenmenschlicher Verhältnisse entstehen, wird in diesem Film mehrfach deutlich. Und Juden sind nun mal auch nur Menschen - selbst wenn sie einmal knapp dem Tode entkommen sind, laufen sie eben nicht ständig wie wutentbrannte, zerknirschte Rächer herum. Holocaust-Forscher Toto überrascht dies, wie so vielen Deutschen mindestens eine gewisse Unbeholfenheit zu eigen ist, im Umgang mit Juden. Ob diese alte Dame nun über ihn Witze macht, einfach nur schlechter Laune ist, oder nicht mehr ganz bei Sinnen - er kann es nicht einordnen. Sicherheitshalber schiebt er hinterher: "Ein Holocaustforscher mit Humor, das ist wie ein Popo ohne Loch", rutscht es Toto heraus, der an dieser Stelle zum ersten Mal einen Begriff von Zazie übernimmt.

Nicht nur dass in diesem Film ein Mops vorkommt, hat manche Kritiker dieses Films schon an Loriot erinnert. Allerdings kommt es Jan Josef Liefers über lange Strecken des Films weniger zu Gute - wo die Tonlage sich langsam im sarkastischen, dunklen Humor einpendelt, steigt für manche Zuschauer vielleicht allzu sehr die bekannte Rolle des "Börne" (aus dem Münster-Tatort) vor dem geistigen Auge auf. Das passt in diesem Fall aber schlecht, denn Liefers wirkt in dieser Filmrolle eher wie ein Spiegel dieses Schwarzen Humors, nicht wie sein Verursacher: muss er sich doch damit abfinden, erst zusammengeschlagen zu werden, eine Zeitlang mit einer häßlichen Spange herumlaufen zu müssen, als Möchtegern-Chef des Instituts unbeliebte Entscheidungen durchsetzen zu müssen und dann sich auch noch die Freundin ausspannen zu lassen. Liefers findet dabei, spätestens in der Szene wo Kongreß-Sponsor und Holocaust-Opfer zusammenkommen, durchaus gute Ausdrucksformen - nun gut, der Zuschauer mit Vorprägung ist eben selber Schuld.

Star ist hier eher Lars Eidinger - wer immer sich an diesen Film erinnert nachdem er ihn gesehen hat, wird sich auch an ihn erinnern. Wie er alle Gefühlsvarianten meistert, von aufbrausender Zerstörungswut bis zu neugieriger Spannung auf überraschende weibliche Anziehungskraft, ist durch ihn hervorragend verkörpert. Wer hier "Schwächen in der Figurenzeichnung" meint erkennen zu müssen (siehe "Westfalenpest"), hat wohl noch nie Wissenschaftscliquen intern erlebt, oder meint vielleicht, Professoren und Doktoren müsse man grundsätzlich nur anbeten. Wissenschaft darf persönliche Hintergründe haben, und damit muss man sogar umgehen lernen - das weiß inzwischen nicht nur Chris Kraus. Oder, wie es Jüdin Rubenstein im Film treffend sagt: "Man ist kein guter Mensch, nur weil man in einer guten Institution arbeitet." - Und auch Adèle Haenel wächst in diesem Film in etwas hinein, was sie zu mehr macht als einem deutschen Vorurteil einer Französin (also nicht etwa so wie Nathalie Licard bei Harald Schmidt, um wieder einmal den Weg Richtung Humor zu nehmen). Diese "Zazie" hat zudem das Glück, dass Regie und Drehbuch sie noch mitten im Film als Praktikantin kündigen und zu einer ziemlich unabhängigen Frau werden lassen - nicht nur zwischen zwei Männern, sondern auf dem Weg, ihre Bedürfnisse zu erforschen und ihren Sinn des Lebens zu finden.

Was bleibt am Schluß? Ein Kurzbesuch in Riga (nicht viel mehr als Flughafen, Hotel und ein altes Haus, das zurecht gemacht wie ein ehemaliges Gymnasium wirken soll), dazu neue Abgründe und persönlicher Ballast bei Toto, den auch Zazie nicht mehr so einfach beseitigen kann. Im Film findet eigentlich niemand sein Glück - und das ist gut so. Blumen für niemand eben - außer für diejenigen, die zufällig so heißen.

Webseite zum FilmKinofinder

Filmkritiken:
SWR / Frankfurter Neue Presse / Westfalenpost / Rhein-Neckar-Zeitung / Berliner Morgenpost / Lippische Landeszeitung / Südtirol-News / Weserkurier / ORF / Badische Zeitung / Spiegel-online / Frankenpost / Trailer-ruhr.de / Berliner Zeitung / Focus / Critic.de / Mannheimer Morgen / Rheinische Post / EPD /

6. Januar 2017

"Bahnhof verstehen" als Vision

Wie wird der Hauptbahnhof Riga in Zukunft aussehen?
Eher wie eine aufgeteilte Apfelsine (dänischer
Entwurf) ...
Manchmal wirkt der Hauptbahnhof der lettischen Hauptstadt wie ein Nukleus veränderlicher Zeiten: wer sich noch an eine Kapelle vor den Bahnhofstoren erinnert, wird den "Dünaburger Bahnhof", 1861 erbaut, jedenfalls vor 1920 gesehen haben. Neben diesem entstand der heutige Hauptbahnhof. Nachdem 1872 die Eisenbahnbrücke über die Daugava gebaut worden und der bisherige "Mitauer Bahnhof" damit eine direkte Verbindung zur Stadt bekam, waren Bahnreisen ab Riga in alle Richtungen möglich. Der "Dünburger Bahnhof" wurde 1885 ausgebaut, bis 1914 wurde eine modernere Bahnbrücke über die Daugava erstellt, und die Station hieß nun zunächst "Riga 1". Nochmals neu erbaut wurde das Bahnhofsgebäude dann in der Nachkriegszeit - nachdem das alte Gebäude 1950 abgerissen worden war. Die Neueröffnung fand am 20. Juli 1960 statt, mit gegenüber dem Stadtniveau erhöht verlegten Bahnsteigen, einem erweiterten Bahndamm bis zur Daugava, und dem noch heute bekannten Uhrenturm, der anfangs auch als Wasserturm genutzt wurde. 
... oder vielleicht wie eine Siegesfackel
die aus der Ferne winkt?
In dieser Form war der Hauptbahnhof Riga lange bekannt. Inzwischen wird der Bahnhofsbereich umringt von Einkaufmeilen ("Origo"). Der neue Uhrenturm wurde ebenfalls 2003 fertig, 46m hoch und mit den Großbuchstaben RIGA auf der Spitze. Im vergangenen Jahr feierte die Lettische Eisenbahn ihr 155.Jubiläum.

und auch die Eisenbahnbrücke
muss erweitert werden (hier
einer der Projektentwürfe)
Nun denken aber Bahn und Stadt erneut über neue Zeiten nach. Wenn die Schnellbahnlinie der RAIL BALTICA mal bis Riga fertig sein sollte (bis 2020 will man zumindest begonnen haben), muss die Verzahnung der Verkehrswege neu gestaltet werden. Das neue Stichwort ist dann "multimodaler Funktionsknotenpunkt". Ende November 2016 wurden die Ergebnisse eines Ideenwettbewerbs veröffentlicht, an dem sich 15 Architekturbüros aus Lettland, Dänemark, Spanien, Frankreich und Estland beteiligt hatten. Wie der Juryvorsitzende Jānis Dripe bekannt gab, habe keiner der Entwürfe völlig überzeugt - daher seien zwei Büros zu Siegern erklärt worden: ein dänisches Projekt und ein lettisches. Beiden wurden 45.000 Euro als Preisgeld zugesprochen. Nun soll in den nächsten Monaten mit beiden Siegern diskutiert werden, wie eine für die konkrete Planung taugliche Lösung aussehen könnte.

14ha Fläche umfasst das Planungsgelände insgesamt. Gegenwärtig müssen Bahnfahrer an mehreren Supermärkten und Ladenzeilen vorbeilaufen, um die Bahngleise zu finden; da sei es nicht ganz ausgeschlossen, dass selbst Einheimische sich auf dem Weg zum richtigen Gleis zwischendurch verirrten - meint Pēteris Bajārs vom lettischen Architekturbüro "OutofBox" (lsm).
Je nachdem wie der endgültige Entwurf der Planungen nun aussehen wird, wird im Zuge der Bahnhofsumgestaltung wohl auch der Autobusbahnhof teilweise oder ganz weichen müssen, ebenso wie das Kaufhaus "Titāniks". Die Durchgangsstraße, von der Daugava zum Bahnhof führend, soll möglicherweise von sechs auf vier Fahrspuren verengt werden, so dass auch ein neues Stück Park neu entstehen kann. Der Zugang zwischen Altstadt und Markt wie auch zum Bahnhof soll für Fußgänger wesentlich erleichtert werden.

Für die Zeitschrift "IR" analysierte der Journalist Mārtiņš Ķibilds die Unterschiede zwischen den beiden siegreichen Entwürfen. "Wenn man heutzutage die Leute überzeugen möchte, mit der Bahn zu fahren, dann reicht es nicht neue Gleise und Bahnsteige zu bauen," schreibt er, "auch die Atmosphäre im Bahnhof und der Zugang zur Stadt sind wichtig." Im Gegensatz zum lettischen habe der dänische auch bereits einen Eindruck der Inneneinrichtig des Bahnhofs geben wollen, so Ķibilds.Der lettische Entwurf sei einer von Maximalisten, meint er. "Nur die Hiesigen kennen eben die Verkehrssituation in Riga genau bis in die Einzelheiten." Der lettische Vorschlag enthält übrigens die Variante, am Haupteingang wieder dasjenige Bild herzustellen, was bereits jahrzehntelang dort bekannt war: die Silhouette der Altstadt. Ein spanisches Büro wurde im Wettbewerb übrigens mit einem Sonderpreis ausgezeichnet: es hatte vorgeschlagen, alle Eisenbahntrassen auf der neu zu bauenden Brücke zu vereinen und die bisherige Eisenbahnbrücke dann für Fußgänger und Radler freizugeben.
Für die Umsetzung des bereits jahrzehntelang geplanten RAILBALTICA-Projekts hat Lettland bisher 246,6 Millionen Euro vorgesehen (Estland 142 Mill., Litauen 144 Mill.).